Sonnenuntergang in Porto Alegre

Sonnenuntergang in Porto Alegre

Samstag, 22. Januar 2011

3. Stopp - Salvador


Nach einigen Tagen Strand und Ausspannen haben wir Vitória verlassen und uns zum nächsten Ziel der Reise aufgemacht: Salvador, Bahia.
Die Stadt befindet sich kaum 2 Flugstunden nördlich von Vitória, doch wenn man aus dem Fughafen tritt fühlt man sich, als wäre man auf einem anderen Kontinent, und zwar in Afrika.
Bahia ist der das schwarze Herz Brasiliens, der Bundesstaat, in dem die meisten Einwohner ehemaligen Sklaven sind und die afrikanische Kultur konserviert wurde.
Das merkt vor allem im historischen Stadtzentrum, dem Peleurinho: ein von imposanten Kirchen und bonbonfarbenen Konialhäusern gesäumter Platz, in dem egal zu welcher Tages und Nachtzeit das Leben vibriert. Bei Tag verkaufen "bahianas" in typischer Tracht, schwarze Frauen mit weissen Kleidern und bunten Kopftüchern acarajé, quasi die bahianische Variante eines Döners: frittierte Bällchen aus Bohnenmehl, gefüllt mit scharfer Sosse, Krabben, vatapá und allerlei afrikanischen Geheimzutaten; Jugendliche spielen Capoeira, den Kampftanz der Sklaven und bei Nacht schallen Trommelklänge über den Platz, es wird getanzt und "cravinho", der typische Anisschnaps getrunken.
Vom Peleurinho aus kann man den Aufzug nehmen, der die Ober- und die Unterstadt verbindet, um die anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden: den Leuchtturm in Barra, eins der Wahrzeichen der Stadt oder die Kirche "Nosso Senhor do Bomfim". Sie gilt als eine der wichtigsten Kirchen in Bahia, die sowohl für Christen als auch die Anhänger des candomblé von grosser Bedeutung ist. In dieser Kirche bitten Pilger um Heilung schwerer Krankheiten und andere Wunder und so wurde es zur Tradition, dass die Besucher bunte Wunschbänder am Gitter vor dem Tor anbringen. Die Bänder müssen mit 3 Knoten befestigt werden, wobei jeder dieser Knoten einen Wunsch repräsentiert, der angeblich wahr werden, wenn der Wind das Band davonweht.
Abgesehen von so viel Kultur und Tradition haben wir natürlich auch den Strand Salvadors genossen, uns mit frischem Kokoswasser und gebratenem Käse in die Sonne gelegt und uns in die Fluten gestürzt.
Der erste Zwischenbericht der Reise: 3 Städte, 3 Bundesstaaten - 3 verschiedene Welten!!
Es ist wirklich kaum zu glauben, dass wir all das innerhalb eines Landes gesehen haben!
Langsam haben wir aber genig vom Strand und freuen uns schon sehr auf das nächste Reiseziel, das uns Natur pur und Abenteuer verspricht.
Es geht nach Bonito!!

Freitag, 14. Januar 2011

2. Stopp - Vitória


Nach unserer ersten anstrengenden Woche in Rio ging es auf zum 2. Ziel der großen Reise, nach Vitória, Hauptstadt des Bundesstaates Espirito Santo, ebensfalls am Atlantik gelegen. Im Gegensatz zu Rio reihen sich die Sehenswürdigkeiten in Vitória nicht gerade aneinander. ganz im Gegenteil: Es handelt sich doch eher um eine verschlafene, südamerikanische Kleinstadt, die außer Strand nicht viel zu bieten hat. Dorthin hat es uns eigentlich auch nur verschlagen, weil mehrere Austauschschüler, die ihren Aufenthalt in Deutschland in Osnabrück verbracht hatten, mich eingeladen hatten. Leider fand auf Grund von nicht funktionierenden Telefonkarten, Internetproblemen, Pech, Unpünktlichkeit und einer großen Portion lateinamerikanischen Chaos dann doch kein Treffen mit ihnen statt.
Natürlich nutzen wir die Tage in Vitória trotzdem und taten vorallem das, wozu wir weder in Porto Alegre noch in Metropolen wir Rio richtig Zeit haben: ausschlafen, lesen, Filme gucken. Briefe schreiben und vorallem faul am Strand liegen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Von der Sonne erwischten wir dann auch prompt zu viel und quälten uns anschließend mit Sonnenbrand in den Kniekehlen (wirklich eine Stelle, die man beim eincremen nicht vergessen sollte!)
Das einzige Problem in Vitória hatte mit unserem Hotel zu tun: Auf Grund unseres doch recht kanppen Reisebudgets hatten wir statt beachfront ein Hotel im Industriegebiet gebucht, was nur ein drittel kostete. Leider gab es außer eines großen Supermarktes und mehrere Fabriken nichts in der Umgebung, und da auch das Hotel kein Restaurant hatte, gestaltete sich das Essen als etwas schwierig! Wir konnten nirgemdwo abendessen, ohne ein Taxi zu nehmen und da das endgültig das Budget gesprengt hätte, ernährten wir uns 5 Tage lang nur von Sandwiches, wobei unsere Kreativität mit der Zeit gehörig wuchs (Schinken-Käse, Erdnussbutter-Marmelade, Käse-Salat, Schinken-Gurke und "mediteranea" Käse, Schinken, Gurke und Oliven standen zur Auswahl).
Nach 5 Tagen Sonnenbrand und belegter Brote war es dann aber auch genug mit dem relaxen und wir freuten uns wieder richtig auf eine pulsierende Metropole und Sightseeing.
Also: auf nach Salvador!!

Donnerstag, 6. Januar 2011

Die Grosse Reise - Erster Stopp: Rio de Janeiro

Das erste Semester Freiwilligendienst im Cesmar ist beendet und um mich von 5 Monaten malen, basteln, Anschwung geben, Tanzunterricht und dem restlichen Arbeitsalltag zu erholen, nutze ich die Ferien für eine kleine Rundreise durch Brasilien und Bolivien.




Der erste Stopp unserer Reise war Rio de Janeiro. Kaum 2 Flugstunden nördlich von Porto Alegre fanden wir ein ganz anderes Brasilien vor, als das, was wir aus dem Süden kennen. In Rio ist es laut und heiss, der Verkehr ist mörderisch, aber trotzdem herrscht eine entspannte Atmosphäre, weil der Strand nie weiter als 20 Minuten ist. Die in Rio vorherrschende Kleidung sind deshalb auch FlipFlops, Bikins und Badeshorts, sowohl bei Touristen als auch bei echten "cariocas", den Einheimischen. In einer Stadt wie Rio gab es natürlich jede Menge Möglichkeit zum Sightseeing, aber das das ja immernoch unser Urlaub ist, haben wir uns auf die Highlights beschränkt:
Natürlich sind wir auf den berühmten Zuckerhut gefahren und haben die Aussicht genossen und die Stadt ist von oben sogar noch beeindruckender als von unten: die schneeweissen Strände, das azurblaue Wasser, die futuristishen Hochhäuser und die bunten Favelas, die die unzähligen Hügel der Stadt hinaufwachsen.
Neben dem Zuckerhut das absolute Highlight :der "Cristo Redentor", die gigantische Christusstatue, eins der 7 Weltwunder der Moderne, das majestätisch über der Stadt trohnt.
Daneben bewunderten wir die Stufen von Lapa, das Projekt eines Künstlers, das er selber als "a grande loucura", den grossen Wahnsinn beschreibt: Seit Jahren sammelt er Keramikfliesen aus aller Welt und hat eine Treppe, die das Stadtviertel Santa Teresa mit der Unterstadt verbindet, komplett in allen Farben des Regenbogens gefliest. Mit einer elektrischen Strassenbahn aus dem Jahr 1890 erkundeten wir die verwinkelten Gässchen Santa Teresas, ein Viertel, das den wahren Charme Rios abseits der Touristen konserviert. Wir liessen uns einfach vom Rythmus der Stadt treiben, besuchten den Nachtmarkt und die Kunsthandwerk-feria und eine Menge Zeit verbrachten wir auch an den berühmten Stränden Ipanema und Copacabana und genossen das kühle Atlantikwasser.
Ein unvergessliches Erlebnis war natürlich Silvester an der Copacabana. Nach einer kleinen Aufwärmparty im Hostel machten wir uns zu Fuss auf zum Strand, begleitet von einer Karawane von weissgekleideten Menschen (weiss bringt an Silvester Glück), die sich alle im Sand versammelten, sangen, tanzen und das Leben feierten. Wir sahen das unglaublichste Feuerwerk der Welt, ein atemberaubendes Spektakel am Himmel, das über 20 Minuten andauerte, wurden von allen Seiten mit Sekt besprizt und tanzten zu Sambamusik: das neue Jahr so zu begrüssen, werde ich wohl niemals vergessen!

Fotos folgen!

Samstag, 25. Dezember 2010

30 Grad, Obst und ein Truthahn - Feliz Natal



FELIZ NATAL!!!!


Während in Deutschland alle über Schnee und Kälte stöhnen, hatte ich dieses Jahr bei meinem Weihnachtsfest ein ganz anderes Problem : Die beinah unerträgliche Hitze!!!
Das Thermometer zeigte über 30 Grad an und selbst nachts um 2 wehte kein Wind, der ein bisschen Abkühlung hätte bringen können.
Aber nicht nur das Wetter war hier in Brasilien etwas anders sondern das ganze Weihnachtsfest.


Am letzten Arbeitstag im Cesmar feierten wir eine Weihnachtsmesse, wie ich sie noch nie gesehen hatte: draussen auf der Wiese, mit Capoeirainstrumenten (Bongos, Rasseln, berimbao) statt Orgelmusik und eher eine fröhliche Party als "Stille Nacht". Am meisten verwunderte mich aber dann der Weihnachtsbonus, den alle Mitarbeiter des Cesmars bekamen. Im Speisesaal warte für alle Angestellten - ein tiefgefrorener Truthahn!! Im ersten Moment erschien mir das etwas seltsam, aber ein educador erklärte mir, dass der Truthahn für die meisten Mitarbeiter, die selber aus der Favela kommen, ein Weihnachtsessen ist, dass sie sich sonst nicht leisten könnten.

Am Heiligabend machten wir also meinen Truthahn, statt mit Rotkohl und Knödeln eingelegt in Ananassaft, serviert mit Reis und jeder Menge Früchten: Pfirsichen, Aprikosen, Melonen, Ananas und Mango. Beim Weihnachtsessen stellten wir 3 Ventilatoren auf, um nicht in der Hitze zu zerschmelzen, aber es half kaum etwas. Anschliessend gab es die grosse Bescherung unter dem Mini-Plastik-Weihnachtsbaum und dann sassen wir noch bis 2 auf der Veranda und schauten das Feuerwerk an.

Am 25. besuchten wir den Rest der Familie, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, assen uns durch Berge von Eis, Obst und Panetone und schauten uns abends das Weihnachtskonzert und den Sonnenuntergang am Lago Guíba, Porto Alegres Haus-See an.


Weihnachten in Brasilien war also ganz anders als in Deutschland: kein Schnee, kein echter Tannenbaum, kein Gänsebraten, keine Plätchen, keine Dominosteine, kein Adventskranz, kein "3 Nüsse für Aschenbrödel" im Fernsehen...
Aber da ich auch hier in Brasilien eine Familie habe, die sich um mich kümmert, mit viel Liebe kleine Geschenke aussucht und alles daran setzt, dass ich kein Heimweh bekomme, war es trotzdem ein toller Tag.
Vielleicht ein bisschen zu heiss.



Dies wird erstmal mein letzter Blogeintrag für ein paar Wochen auf, den in 3 Tagen mache ich mich auf zu meiner grossen Reise!
Frei nach dem Motto "Wer viel arbeitet muss auch viel entspannen" habe ich eine kleine Brasilienrundreise geplant und werde Rio de Janeiro, Vitória, Salvador, Bonito und anschliessend noch Bolivien besuchen.

Bis zu meiner Rückkehr schicke ich euch allen liebe Grüsse aus Brasilien, wünsche Frohe und gesegnete Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Dienstag, 14. Dezember 2010

Ein Film sagt mehr als 1000 Worte....

Häufig werde ich gefragt, wie mein Tagesablauf im Cesmar so ist, was ich da eigentlich den ganzen Tag mache, wie es da aussieht, wie die Kinder sind....
Viele Fragen, deren Beantwortung gar nicht so leicht es! Sosehr ich es auch versuche, irgendwie fehlen mir immer die richtigen Worte um auszudrücken, was meine Arbeit im Cesmar für mich bedeutet und was das Cesmar für die Kinder bedeutet.
Da Linda und Sebastian, meine Mit-Freiwilligen, vor dem gleichen Problem standen, haben wir kurzerhand beschlossen, ein Video anzufertigen, das einen kleinen Einblick in unseren Arbeitsalltag gibt. Der Film zeigt jeweils uns 3 bei unseren Aufgaben, Workshops und Kursen und vorallem haben die Kinder des Cesmars gebeten, in die Kamera zu sprechen, was das Cesmar für SIE bedeutet. Schliesslich sollten die Kinder in diesem Projekt und somit auch bei seiner Vorstellung im Mittelpunkt stehen.
Für die bessere Verständlichkeit haben wir einige Passagen untertitelt und auf Englisch übersetzt. Die zweite Version sollte in Deutschland anzeigbar sein, einfach den Link anklicke und...
Vorhang auf und Film ab!




http://www.vidup.de/v/B5RTX/


In der letzten Aufnahme sieht man die Tor des Cesmars, verziehrt mit einem Zitat von Marcelino Champagnat, dem Gründer des Marister-Ordens: "Um die Kinder und Jugendlichen gut zu erziehen ist es vorallem wichtig, zu lieben".
Das Akkusativobjekt fehlt bewusst in diesem Zitat, dem Leitsatz und Mantras unserer Arbeit.
Denn was man lieben muss, bleibt offen und liegt bei jedem selbst.
Die Kinder, die Arbeit, die Herausforderung, die kleinen Erfolge und die grossen Katastrophen, die Jugendlichen, die ewig gleichen Fragen, die Frustration, die Begeisterung, das an-der-Schaukel-Anschwung-geben, das Tränen trocken, das Lachen und die Begeisterung.
Um im Cesmar arbeiten zu können und die Kinder zu erziehen, muss man das alles lieben.

Aber wenn man es liebt, dann wird man Teil der Cesmar-Familie, dieses unglaublichen und wunderbaren Projekts, das für die Kinder mehr ist als nur ein Ort zum Spielen.

"Das Cesmar ist praktisch unser Zuhause" (Brenda, 14 Jahre)

Mittwoch, 24. November 2010

Sometimes happy, sometimes sad

Bei meiner Arbeit im Cesmar liegen Lachen und Weinen, Trauer und Freude, Elend und Glück manchmal so nah beieinander, dass es einem Angst machen kann.

Einer der Jugendlichen, der im Cesmar im Computerkurs war, ist gestorben.
Er war der Sohn einer der Cesmar-Angestellten und wie genau er zu Tode gekommen ist, wissen wir nicht. Er wurde ermordet und er hatte mit Drogen zu tun. Er war gerade erst 18 geworden, fast noch ein Kind und eigentlich aus "gutem Hause": seine Eltern arbeiten, der Cesmar-Kurs stellt ihm sogar einen Beruf in Aussicht.
Aber es ist gar nicht so leicht, sich aus den Drogen und der Krimnalität rauszuhalten, wenn man in der Favela lebt. Ein paar Stunden am Tag werden die Kinder und Jugendlichen aus dem Elend raus und von der Strasse weggeholt, aber sobald sie aus dem Tor des Cesmars treten, stehen sie wieder mitten drin. Eine Aussicht auf einen Beruf hilft nichts, wenn es JETZT an essentiellen Dingen fehlt, wenn kein Essen für die kleinen Geschwister auf dem Tisch steht, wenn man keine Schuhe hat und kein fliessend Wasser. Wenn man dann irgendwann angeboten bekommt, ein bisschen Gras zu verkaufen und dafür soviel Geld zu bekommen, wie die Familie sonst im Monat nicht verdient - dann wird man vielleicht irgendwann schwach.
Plötzlich steckt man drin im Drogenhandel, aus Gras werden Pillen, aus Pillen wird Crack und eines Tages wird man von einem rivalisiernden Dealerring erschossen, weil man zu gefährlich wurde.

Der Junge war keiner von "meinen" Schülern, ich habe ihm keinen Unterricht gegeben. Aber trotzdem: Man hat auf dem Flur mal ein "Oi" gewechselt, in der Pause gefragt, wie es so geht.
In solchen Momenten merke ich immer wieder, dass die Favela, durch die ich jeden morgen laufe, keine Filmkulisse ist. Und ich merke, dass das Cesmar den Kindern einen Strohhalm reicht, der für die meisten leider viel zu dünn ist. Viele rutschen trotzdem ab.
Ein Projekt wie das Cesmar ist einfach nicht genug - damit sich das Leben dieser Kinder ändert, damit sie wirklich eine Chance haben, müssen sich so viele Dinge ändern.
Erschreckend ist auch die "Gleichgültigkeit", mit der mit dem Thema Tod umgegangen wird. Der normale Tagesbetrieb geht einfach weiter, nur das eben eine Person fehlt. Der Tod ist einfach zu allgegenwärtig, als das man jedes mal lange innerhalten könnte, um zu trauern. Fast jedes der Kinder erzählt in seinen Geschichten von verstorbenen Familienmitgliedern - der Tod ist Alltag in der Favela. Manchmal kommt einem dann die ganze Arbeit, die man jeden Tag leistet, sinnlos vor, man ist so machtlos und man tut alles was man kann und es reicht nicht, es reicht einfach nicht und die Kinder rutschen trotzdem ab.

Am gleichen Tag, an dem wir vom Tod eines unserer educandos erfuhren, wurde uns aber auch eine tolle Neuigkeit mitgeteilt. Zwei Jungen aus der T8 haben bei einem internationalen Malwettbewerb des Lions-Clubs mitgemacht, um ihr Talent zu beweisen. Sie haben nicht nur auf Stadt- und Kreisebene gewonnen, sondern sogar den Titel des besten brasilianischen Kunstwerks erkämpft. Das Preisgeld beträgt jetzt schon 500 Dollar, eine unglaubliche Menge Geld für brasilianische Relationen. Falls die beiden in die Endrunde einziehen, dürfen sie sogar mit ihren Eltern nach Amerika fliegen, um an der Preisverleihung teilzunehmen.
Ohne das Cesmar hätten die beiden niemals die Chance gehabt, ihr Können unter Beweis zu stellen und einen so wunderbaren Preis zu gewinnen.
Manchmal kommt einem die Arbeit dann so wichtig vor. Kinder, an die keiner glaubt, Kinder, denen keiner eine Chance gibt, können beweisen, dass sie mehr sind als nur "dreckige Favelakinder". Plötzlich sieht man einen Stolz in den Augen dieser Jungs, eine Freunde und ein Glänzen, den man hier in der Favela selten sieht.

Lachen und Weinen, Elend und Freude liegen im Cesmar dicht beieinander. Eigentlich ist das Projekt ein fröhlicher Ort, voller Spiel, Spass und Kinderlachen. Aber das Cesmar liegt eben trotz allem mitten in der Favela.
Deshalb besteht mein Alltag aus kleinen Erfolgen und grossen Katastrophen.

Donnerstag, 11. November 2010

"Und jetzt bitte einmal mit Akzent" - wie ich in Brasilien zum Model wurde

Das so ein Austausch einige Überrraschungen bereit hält, das wusste ich ja schon vorher, aber damit hätte ich wirklich nicht gerechnet: Das ich in Brasilien in einem Werbespot mitspielen würde!
Die ganze Geschichte klingt so unglaublich, als wäre sie einer kitschigen lateinamerikanischen Novela entsprungen:
Eines Tages fand ich nach der Arbeit eine Email von meiner Austauschorganisation in meinem Postfach, das ungefähr folgenden Text enthielt:
"Liebe Franziska, hier in Porto Alegre wird ein Werbespot gedreht und dafür brauchen sie blonde Menschen mit Akzent - versuch doch mal dein Glück!"
Da ich mir dachte "versuchen kostet ja nichts" ging ich am nächsten Tag zum Casting, ohne genau zu wissen, was mich da erwarten würde.
Was mich da erwartet war nach der Begrüssung die Frage "Von welcher Modelagentur komst du denn?" MODELAGENTUR??? Nachdem ich stotternd zugab, ich hätte sowas noch nie gmacht, erntete ich mitleidige Blicke von den anderen Mädels, die schon im Wartezimmer sassen.
Leicht verunsichert ging ich in den Aufnahmeraum, als ich aufgerufen wurde und erfuhr, worum es ging: Ein Werbespot für eine Uni, die ein neues Austauschprogramm hat und deshalb möglich multikulturell erscheinen sollte.
Meine Aufgabe war dementsprechend : "Sprich folgenden Text mit möglichst viel Akzent!!"

Ich machte mir keine grossen Hoffnungen nach dem Casting und war umso überraschter, als 2 Tage später das Telefon klingelte "Franziska, kannst du die Rolle der Deutschen spielen??"

Kaum 2 Tage später war es dann so weit: Ich wurde morgens vor 6 abgeholt und zum Set gefahren und erfuhr dann ersmal, dass das "Leben als Model" gar nicht so aufregend ist, wie man denkt: Ich wartete erstmal 4 Stunden, während "die Bolivianerin" und "die Australierin" dran waren. Dann ging plötzlich alles ganz schnell: Kostümprobe, ich hatte ja keine Ahnung, worauf man da alles achten muss ( lieber grün, das passt zu den Augen, nein blau, aber das ist schon der Franzose, dann halt rot, aber warte, lieber gelb?), Haarstyling und professionelles Makeup.
Gefühlte 10 Kostüm und Stylingvariationen später sass ich dann vor der Kamera, doch bevor es losging, wurde erstmal eine Stunde lang Beleuchtung und Ton abgestimmt, was meine Nervosität noch deutlich steigerte.
Als es endlich losging, verging die Zeit dann wir im Flug: Jede Szene war nach 3 Klappen im Kasten, sogar die schlimmste, in der ich einen einseitigen Text auf Portugiesisch aufsagen musste (es war dabei gar nicht so einfach, die Balance zwischen "Akzent" und "unverständlich" zu finden). Nach gefühlten 20 Minuten hiess es dann schon "Danke, Franzie, das haben wir im Kasten".

Kaum war ich zu Hause, abgeschminkt und umgezogen, war das "brazilian next topmodel"-Gefühl auch schon wieder vorbei - aber eine tolle Erfahrung war es auf jeden Fall.
Das Resultat von 3 Drehtagen? Zwei Werbespots, die jetzt hier im Fernsehen laufen (sogar in der Novela-Werbung!!) und den dank Youtube auch neugierige Leute aus Deutschland anschauen können!