Sonnenuntergang in Porto Alegre

Sonnenuntergang in Porto Alegre

Donnerstag, 6. Januar 2011

Die Grosse Reise - Erster Stopp: Rio de Janeiro

Das erste Semester Freiwilligendienst im Cesmar ist beendet und um mich von 5 Monaten malen, basteln, Anschwung geben, Tanzunterricht und dem restlichen Arbeitsalltag zu erholen, nutze ich die Ferien für eine kleine Rundreise durch Brasilien und Bolivien.




Der erste Stopp unserer Reise war Rio de Janeiro. Kaum 2 Flugstunden nördlich von Porto Alegre fanden wir ein ganz anderes Brasilien vor, als das, was wir aus dem Süden kennen. In Rio ist es laut und heiss, der Verkehr ist mörderisch, aber trotzdem herrscht eine entspannte Atmosphäre, weil der Strand nie weiter als 20 Minuten ist. Die in Rio vorherrschende Kleidung sind deshalb auch FlipFlops, Bikins und Badeshorts, sowohl bei Touristen als auch bei echten "cariocas", den Einheimischen. In einer Stadt wie Rio gab es natürlich jede Menge Möglichkeit zum Sightseeing, aber das das ja immernoch unser Urlaub ist, haben wir uns auf die Highlights beschränkt:
Natürlich sind wir auf den berühmten Zuckerhut gefahren und haben die Aussicht genossen und die Stadt ist von oben sogar noch beeindruckender als von unten: die schneeweissen Strände, das azurblaue Wasser, die futuristishen Hochhäuser und die bunten Favelas, die die unzähligen Hügel der Stadt hinaufwachsen.
Neben dem Zuckerhut das absolute Highlight :der "Cristo Redentor", die gigantische Christusstatue, eins der 7 Weltwunder der Moderne, das majestätisch über der Stadt trohnt.
Daneben bewunderten wir die Stufen von Lapa, das Projekt eines Künstlers, das er selber als "a grande loucura", den grossen Wahnsinn beschreibt: Seit Jahren sammelt er Keramikfliesen aus aller Welt und hat eine Treppe, die das Stadtviertel Santa Teresa mit der Unterstadt verbindet, komplett in allen Farben des Regenbogens gefliest. Mit einer elektrischen Strassenbahn aus dem Jahr 1890 erkundeten wir die verwinkelten Gässchen Santa Teresas, ein Viertel, das den wahren Charme Rios abseits der Touristen konserviert. Wir liessen uns einfach vom Rythmus der Stadt treiben, besuchten den Nachtmarkt und die Kunsthandwerk-feria und eine Menge Zeit verbrachten wir auch an den berühmten Stränden Ipanema und Copacabana und genossen das kühle Atlantikwasser.
Ein unvergessliches Erlebnis war natürlich Silvester an der Copacabana. Nach einer kleinen Aufwärmparty im Hostel machten wir uns zu Fuss auf zum Strand, begleitet von einer Karawane von weissgekleideten Menschen (weiss bringt an Silvester Glück), die sich alle im Sand versammelten, sangen, tanzen und das Leben feierten. Wir sahen das unglaublichste Feuerwerk der Welt, ein atemberaubendes Spektakel am Himmel, das über 20 Minuten andauerte, wurden von allen Seiten mit Sekt besprizt und tanzten zu Sambamusik: das neue Jahr so zu begrüssen, werde ich wohl niemals vergessen!

Fotos folgen!

Samstag, 25. Dezember 2010

30 Grad, Obst und ein Truthahn - Feliz Natal



FELIZ NATAL!!!!


Während in Deutschland alle über Schnee und Kälte stöhnen, hatte ich dieses Jahr bei meinem Weihnachtsfest ein ganz anderes Problem : Die beinah unerträgliche Hitze!!!
Das Thermometer zeigte über 30 Grad an und selbst nachts um 2 wehte kein Wind, der ein bisschen Abkühlung hätte bringen können.
Aber nicht nur das Wetter war hier in Brasilien etwas anders sondern das ganze Weihnachtsfest.


Am letzten Arbeitstag im Cesmar feierten wir eine Weihnachtsmesse, wie ich sie noch nie gesehen hatte: draussen auf der Wiese, mit Capoeirainstrumenten (Bongos, Rasseln, berimbao) statt Orgelmusik und eher eine fröhliche Party als "Stille Nacht". Am meisten verwunderte mich aber dann der Weihnachtsbonus, den alle Mitarbeiter des Cesmars bekamen. Im Speisesaal warte für alle Angestellten - ein tiefgefrorener Truthahn!! Im ersten Moment erschien mir das etwas seltsam, aber ein educador erklärte mir, dass der Truthahn für die meisten Mitarbeiter, die selber aus der Favela kommen, ein Weihnachtsessen ist, dass sie sich sonst nicht leisten könnten.

Am Heiligabend machten wir also meinen Truthahn, statt mit Rotkohl und Knödeln eingelegt in Ananassaft, serviert mit Reis und jeder Menge Früchten: Pfirsichen, Aprikosen, Melonen, Ananas und Mango. Beim Weihnachtsessen stellten wir 3 Ventilatoren auf, um nicht in der Hitze zu zerschmelzen, aber es half kaum etwas. Anschliessend gab es die grosse Bescherung unter dem Mini-Plastik-Weihnachtsbaum und dann sassen wir noch bis 2 auf der Veranda und schauten das Feuerwerk an.

Am 25. besuchten wir den Rest der Familie, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, assen uns durch Berge von Eis, Obst und Panetone und schauten uns abends das Weihnachtskonzert und den Sonnenuntergang am Lago Guíba, Porto Alegres Haus-See an.


Weihnachten in Brasilien war also ganz anders als in Deutschland: kein Schnee, kein echter Tannenbaum, kein Gänsebraten, keine Plätchen, keine Dominosteine, kein Adventskranz, kein "3 Nüsse für Aschenbrödel" im Fernsehen...
Aber da ich auch hier in Brasilien eine Familie habe, die sich um mich kümmert, mit viel Liebe kleine Geschenke aussucht und alles daran setzt, dass ich kein Heimweh bekomme, war es trotzdem ein toller Tag.
Vielleicht ein bisschen zu heiss.



Dies wird erstmal mein letzter Blogeintrag für ein paar Wochen auf, den in 3 Tagen mache ich mich auf zu meiner grossen Reise!
Frei nach dem Motto "Wer viel arbeitet muss auch viel entspannen" habe ich eine kleine Brasilienrundreise geplant und werde Rio de Janeiro, Vitória, Salvador, Bonito und anschliessend noch Bolivien besuchen.

Bis zu meiner Rückkehr schicke ich euch allen liebe Grüsse aus Brasilien, wünsche Frohe und gesegnete Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Dienstag, 14. Dezember 2010

Ein Film sagt mehr als 1000 Worte....

Häufig werde ich gefragt, wie mein Tagesablauf im Cesmar so ist, was ich da eigentlich den ganzen Tag mache, wie es da aussieht, wie die Kinder sind....
Viele Fragen, deren Beantwortung gar nicht so leicht es! Sosehr ich es auch versuche, irgendwie fehlen mir immer die richtigen Worte um auszudrücken, was meine Arbeit im Cesmar für mich bedeutet und was das Cesmar für die Kinder bedeutet.
Da Linda und Sebastian, meine Mit-Freiwilligen, vor dem gleichen Problem standen, haben wir kurzerhand beschlossen, ein Video anzufertigen, das einen kleinen Einblick in unseren Arbeitsalltag gibt. Der Film zeigt jeweils uns 3 bei unseren Aufgaben, Workshops und Kursen und vorallem haben die Kinder des Cesmars gebeten, in die Kamera zu sprechen, was das Cesmar für SIE bedeutet. Schliesslich sollten die Kinder in diesem Projekt und somit auch bei seiner Vorstellung im Mittelpunkt stehen.
Für die bessere Verständlichkeit haben wir einige Passagen untertitelt und auf Englisch übersetzt. Die zweite Version sollte in Deutschland anzeigbar sein, einfach den Link anklicke und...
Vorhang auf und Film ab!




http://www.vidup.de/v/B5RTX/


In der letzten Aufnahme sieht man die Tor des Cesmars, verziehrt mit einem Zitat von Marcelino Champagnat, dem Gründer des Marister-Ordens: "Um die Kinder und Jugendlichen gut zu erziehen ist es vorallem wichtig, zu lieben".
Das Akkusativobjekt fehlt bewusst in diesem Zitat, dem Leitsatz und Mantras unserer Arbeit.
Denn was man lieben muss, bleibt offen und liegt bei jedem selbst.
Die Kinder, die Arbeit, die Herausforderung, die kleinen Erfolge und die grossen Katastrophen, die Jugendlichen, die ewig gleichen Fragen, die Frustration, die Begeisterung, das an-der-Schaukel-Anschwung-geben, das Tränen trocken, das Lachen und die Begeisterung.
Um im Cesmar arbeiten zu können und die Kinder zu erziehen, muss man das alles lieben.

Aber wenn man es liebt, dann wird man Teil der Cesmar-Familie, dieses unglaublichen und wunderbaren Projekts, das für die Kinder mehr ist als nur ein Ort zum Spielen.

"Das Cesmar ist praktisch unser Zuhause" (Brenda, 14 Jahre)

Mittwoch, 24. November 2010

Sometimes happy, sometimes sad

Bei meiner Arbeit im Cesmar liegen Lachen und Weinen, Trauer und Freude, Elend und Glück manchmal so nah beieinander, dass es einem Angst machen kann.

Einer der Jugendlichen, der im Cesmar im Computerkurs war, ist gestorben.
Er war der Sohn einer der Cesmar-Angestellten und wie genau er zu Tode gekommen ist, wissen wir nicht. Er wurde ermordet und er hatte mit Drogen zu tun. Er war gerade erst 18 geworden, fast noch ein Kind und eigentlich aus "gutem Hause": seine Eltern arbeiten, der Cesmar-Kurs stellt ihm sogar einen Beruf in Aussicht.
Aber es ist gar nicht so leicht, sich aus den Drogen und der Krimnalität rauszuhalten, wenn man in der Favela lebt. Ein paar Stunden am Tag werden die Kinder und Jugendlichen aus dem Elend raus und von der Strasse weggeholt, aber sobald sie aus dem Tor des Cesmars treten, stehen sie wieder mitten drin. Eine Aussicht auf einen Beruf hilft nichts, wenn es JETZT an essentiellen Dingen fehlt, wenn kein Essen für die kleinen Geschwister auf dem Tisch steht, wenn man keine Schuhe hat und kein fliessend Wasser. Wenn man dann irgendwann angeboten bekommt, ein bisschen Gras zu verkaufen und dafür soviel Geld zu bekommen, wie die Familie sonst im Monat nicht verdient - dann wird man vielleicht irgendwann schwach.
Plötzlich steckt man drin im Drogenhandel, aus Gras werden Pillen, aus Pillen wird Crack und eines Tages wird man von einem rivalisiernden Dealerring erschossen, weil man zu gefährlich wurde.

Der Junge war keiner von "meinen" Schülern, ich habe ihm keinen Unterricht gegeben. Aber trotzdem: Man hat auf dem Flur mal ein "Oi" gewechselt, in der Pause gefragt, wie es so geht.
In solchen Momenten merke ich immer wieder, dass die Favela, durch die ich jeden morgen laufe, keine Filmkulisse ist. Und ich merke, dass das Cesmar den Kindern einen Strohhalm reicht, der für die meisten leider viel zu dünn ist. Viele rutschen trotzdem ab.
Ein Projekt wie das Cesmar ist einfach nicht genug - damit sich das Leben dieser Kinder ändert, damit sie wirklich eine Chance haben, müssen sich so viele Dinge ändern.
Erschreckend ist auch die "Gleichgültigkeit", mit der mit dem Thema Tod umgegangen wird. Der normale Tagesbetrieb geht einfach weiter, nur das eben eine Person fehlt. Der Tod ist einfach zu allgegenwärtig, als das man jedes mal lange innerhalten könnte, um zu trauern. Fast jedes der Kinder erzählt in seinen Geschichten von verstorbenen Familienmitgliedern - der Tod ist Alltag in der Favela. Manchmal kommt einem dann die ganze Arbeit, die man jeden Tag leistet, sinnlos vor, man ist so machtlos und man tut alles was man kann und es reicht nicht, es reicht einfach nicht und die Kinder rutschen trotzdem ab.

Am gleichen Tag, an dem wir vom Tod eines unserer educandos erfuhren, wurde uns aber auch eine tolle Neuigkeit mitgeteilt. Zwei Jungen aus der T8 haben bei einem internationalen Malwettbewerb des Lions-Clubs mitgemacht, um ihr Talent zu beweisen. Sie haben nicht nur auf Stadt- und Kreisebene gewonnen, sondern sogar den Titel des besten brasilianischen Kunstwerks erkämpft. Das Preisgeld beträgt jetzt schon 500 Dollar, eine unglaubliche Menge Geld für brasilianische Relationen. Falls die beiden in die Endrunde einziehen, dürfen sie sogar mit ihren Eltern nach Amerika fliegen, um an der Preisverleihung teilzunehmen.
Ohne das Cesmar hätten die beiden niemals die Chance gehabt, ihr Können unter Beweis zu stellen und einen so wunderbaren Preis zu gewinnen.
Manchmal kommt einem die Arbeit dann so wichtig vor. Kinder, an die keiner glaubt, Kinder, denen keiner eine Chance gibt, können beweisen, dass sie mehr sind als nur "dreckige Favelakinder". Plötzlich sieht man einen Stolz in den Augen dieser Jungs, eine Freunde und ein Glänzen, den man hier in der Favela selten sieht.

Lachen und Weinen, Elend und Freude liegen im Cesmar dicht beieinander. Eigentlich ist das Projekt ein fröhlicher Ort, voller Spiel, Spass und Kinderlachen. Aber das Cesmar liegt eben trotz allem mitten in der Favela.
Deshalb besteht mein Alltag aus kleinen Erfolgen und grossen Katastrophen.

Donnerstag, 11. November 2010

"Und jetzt bitte einmal mit Akzent" - wie ich in Brasilien zum Model wurde

Das so ein Austausch einige Überrraschungen bereit hält, das wusste ich ja schon vorher, aber damit hätte ich wirklich nicht gerechnet: Das ich in Brasilien in einem Werbespot mitspielen würde!
Die ganze Geschichte klingt so unglaublich, als wäre sie einer kitschigen lateinamerikanischen Novela entsprungen:
Eines Tages fand ich nach der Arbeit eine Email von meiner Austauschorganisation in meinem Postfach, das ungefähr folgenden Text enthielt:
"Liebe Franziska, hier in Porto Alegre wird ein Werbespot gedreht und dafür brauchen sie blonde Menschen mit Akzent - versuch doch mal dein Glück!"
Da ich mir dachte "versuchen kostet ja nichts" ging ich am nächsten Tag zum Casting, ohne genau zu wissen, was mich da erwarten würde.
Was mich da erwartet war nach der Begrüssung die Frage "Von welcher Modelagentur komst du denn?" MODELAGENTUR??? Nachdem ich stotternd zugab, ich hätte sowas noch nie gmacht, erntete ich mitleidige Blicke von den anderen Mädels, die schon im Wartezimmer sassen.
Leicht verunsichert ging ich in den Aufnahmeraum, als ich aufgerufen wurde und erfuhr, worum es ging: Ein Werbespot für eine Uni, die ein neues Austauschprogramm hat und deshalb möglich multikulturell erscheinen sollte.
Meine Aufgabe war dementsprechend : "Sprich folgenden Text mit möglichst viel Akzent!!"

Ich machte mir keine grossen Hoffnungen nach dem Casting und war umso überraschter, als 2 Tage später das Telefon klingelte "Franziska, kannst du die Rolle der Deutschen spielen??"

Kaum 2 Tage später war es dann so weit: Ich wurde morgens vor 6 abgeholt und zum Set gefahren und erfuhr dann ersmal, dass das "Leben als Model" gar nicht so aufregend ist, wie man denkt: Ich wartete erstmal 4 Stunden, während "die Bolivianerin" und "die Australierin" dran waren. Dann ging plötzlich alles ganz schnell: Kostümprobe, ich hatte ja keine Ahnung, worauf man da alles achten muss ( lieber grün, das passt zu den Augen, nein blau, aber das ist schon der Franzose, dann halt rot, aber warte, lieber gelb?), Haarstyling und professionelles Makeup.
Gefühlte 10 Kostüm und Stylingvariationen später sass ich dann vor der Kamera, doch bevor es losging, wurde erstmal eine Stunde lang Beleuchtung und Ton abgestimmt, was meine Nervosität noch deutlich steigerte.
Als es endlich losging, verging die Zeit dann wir im Flug: Jede Szene war nach 3 Klappen im Kasten, sogar die schlimmste, in der ich einen einseitigen Text auf Portugiesisch aufsagen musste (es war dabei gar nicht so einfach, die Balance zwischen "Akzent" und "unverständlich" zu finden). Nach gefühlten 20 Minuten hiess es dann schon "Danke, Franzie, das haben wir im Kasten".

Kaum war ich zu Hause, abgeschminkt und umgezogen, war das "brazilian next topmodel"-Gefühl auch schon wieder vorbei - aber eine tolle Erfahrung war es auf jeden Fall.
Das Resultat von 3 Drehtagen? Zwei Werbespots, die jetzt hier im Fernsehen laufen (sogar in der Novela-Werbung!!) und den dank Youtube auch neugierige Leute aus Deutschland anschauen können!




Dienstag, 12. Oktober 2010

Wahl in Brasilien

Wenn man derzeit in Brasilien ist, kommt man um ein Thema wohl nicht herum:
Die Präsidentschaftswahl.
Das Wahlsystem ist hier in Brasilien kompliziert und vielschichtig, deshalb habe ich nicht alle Details und Feinheiten verstanden habe (vielleicht liegt das aber auch daran, dass mein Portugiesischwortschatz im Bereich "politische Fachbegriffe" ziemlich grosse Lücken aufweist).
Trotzdem werde ich versuchen, die Dinge ein bisschen zu erklären, falls es aber zu grosse Konfusion stiftet, verweise ich darauf, "brasilianisches Wahlsystem" bei Google einzugeben.

Der grösste Unterschied ist in erster Linie, das man hier nicht die Partei, sondern einen Kandidaten wählt. Nicht nur für den Präsidenten, sondern auch für "senador", "goverador" und "deputado federal" (die Aufgaben dieser Ämter können ebenfalls bei Google gefunden werden).
Dementsprechend gestaltet sich auch der Walhkampf ganz anders als in Deutschland:
Hier in Brasilien gibt es eine elektronische Urne und man muss die Nummer des Kandidaten eingeben. Dafür muss man die Nummer natürlich wissen, und deshalb wurde die Bevökerung in den letzten Wochen in Wahlwerbung geradezu ertränkt. In der Stadt bekam man überall Zettel in die Hand gedrückt mit dem Gesicht eines Politikers, seinem Vornamen und seiner Nummer. Hier in Brasilien nennt man alle Politiker beim Vornamen, was für mich am Anfang irgendwie seltsam war, denn ein Gespräch über Politik klingt dann in etwa so:
"Ich werd den Mauricio wählen, denn dieser Ana kann man nicht vertrauen."
"Findest du? Die Ana arbeitet doch mit Flávio zusammen und den finde ich deutlich kompetenter als Mariana!"
Aber neben den Zettelchen nutzt die Politikpropaganda hier auch jedes andere Kommunikationsmedium: im Fernsehen gibt es einen speziellen "horario da propaganda politica" zu den Top-Sendezeiten (beim Mittagessen und zwischen Nachrichten und Novela), in dem eine Stunde lang ununterbrochen Wahlwerbung gezeigt wird.
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien und Kandidaten sind dabei für mich als politisch nicht wirklich informierten Zuschauer kaum zu erkennen.
Die Schlagworte, die in jedem Werbespot fallen, sind "Educação" (Bildung), "Segurança" (Sichereit) und "Saúde", (Gesundheit), wobei bei keinem Kandidaten deutlich wurde, wie genau er diese Ziele erreichen will.
Jeder Kandidat hat aber eine eigene kleine Musik in seinem Werbespot, das den Namen und die Nummer beeinhaltet. Diese Jingles wurden als perfekte Ohrwürmer komponiert, und so könnte auch ich jetzt auf Anhieb mindestens 13 Kandidaten mit ihrer Nummer nennen.
Die Jingles werden städig im Radio oder von auf Motorrädern befestigten Ghettoblastern gespielt, die durch die Strassen fahren.
An so ziemlich jeder Mauer oder Hauswand klebt ein Wahlplakat oder wurde mit Farbe die Nummer und der Name eines Politikers geschrieben und in der Stadt schwenken Leute riesige Fahnen mit den Nummern - man kann dem Wahlkampf hier nicht entkommen!!!

Es gibt hier eine Wahlpflicht, das heisst, jeder, wirklich jeder Bürger muss wählen, was in einem Land wie Brasilien gar nicht so einfach ist: Eine unglaublich grosse Bevölkerung, verteilt über eine grosse Fläche, viele Analfabeten und politisch Ungebildete, abgeschiedene Indianerstämme im Amazonas, grosse Gebiete, die nicht mit Infrastuktur erschlossen sind...
Deshalb laufen im Fernsehen auch Aufklärungsspots, in den denen erklärt wird, wie man wählt:
Die Prozedur an der elektronischen Urne ("Geben Sie die Nummer des Kandidaten ein, den Sie wählen wollen, und bestätigen Sie mit de grünen Taste), die Wahlgrundsätze ("Ihre Wahl ist geheim und niemand wird nachvollziehen können, wen Sie gwählt haben") , was man mitbringen muss ("In diesem Jahr gibt es ein neues Gesetz: Um wählen zu können, müssen Sie neben dem Título de eleitor ein weiteres Dokument mit Foto mitbringen") oder überhaupt erstmal, welche Aufgaben eigentlich die Personen haben werden, die die einzelnen Ämter bekleiden.
Wenn man hier nicht wählen geht, muss meine eine Geldstrafe zahlen und wenn man über mehrere Wahlgänge das Votum verweigert, wird man von allen öffentlichen Dienstleistungen ausgschlossen und kann z.B. seinen Führerschein nicht verlängern lassen oder das Gesundeitssystem nutzen.

Obwohl es unzählige Parteien gibt, waren nur drei Kandidaten wirklich wichtig für die Präsidentschaftswahl:
Dilma, von der PT (Arbeiterpartei), von der auch der momentane Präsidenten Lula ist;
Serra, von der PSDB (Sozialdemokratische Partei Brasiliens) und
Marina, von der Partido Verde (Grüne Partei).

Im ersten Wahlgang letzte Woche ereichte keiner dieser Kandidaten die absolute Mehrheit der Stimmen, weshalb es einen "segundo turno", eine Stichwahl zwischen Dilma und Serra gibt, die am meisten Stimmen erreicht haben.
Ich verstehe nicht genug von diesem Land, seinen Problemen und seiner Politik, um über die beiden Kandidaten und ihre Ideen urteilen zu können, aber aus Gesprächen mit meiner Gastfamilie, Freunden und Kollegen habe ich heraushören können, das beide Kandidaten relativ umstritten sind.

Ich habe hier die Wahlwerbespots einiger Kandidaten eingefügt, damit ihr euch ein Bild vom Wahlkampf machen könnt. Die Parteien habe ich dabei völlig zufällig gewählt und sie spiegeln nicht meine politische Überzeugung wieder.
Ausserdem findet ihr den Regierungs-"Aufklärungsspot", der erklärt, was der Präsident eigentlich so macht.





Donnerstag, 7. Oktober 2010

"Semana das crianças" im Cesmar


Schon wieder stand im Cesmar eine "Sonderwoche" an, diesmal die Semana das crianças, die Kinderwoche.
Da könnte man langsam denken: Mensch, wann ist denn da in diesem Projekt mal normaler Alltag?
Die Antwort lautete: Ziemlich selten, und das ist auch so beabsichtigt. Das Cesmar ist keine Schule und hat daher keinen festen Lehrplan oder andere Vorgaben, die erfüllt werden müssen.
Die Kinder sollen vorallem deshalb in das Projekt kommen, um von der Strasse weggeholt zu werden, um ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen, mit tanzen, singen, spielen oder basteln und um Dinge zu erfahren und zu lernen, die in ihrem Alltag leider häufig zu kurz kommen: Liebe, Zuneigung, Respekt, Höflichkeit, Zuverlässigkeit und Beständigkeit.
Deshalb versuchen die Mitarbeiter immer aufs Neue, den Kindern irgendeine spannende Beschäftigung zu bieten; ein Spiel, dass sie noch nicht kennen, einen Tanz, den sie noch nie gesehen haben, ein neues Lied singen oder eben diese Sonderwochen, in denen alles etwas anders abläuft.

Die Semana das crianças war vollkommen den Kindern gewidmet und die Lehrer liessen sich unglaublich viel einfallen, was mit einfachen Mitteln und viel Improvisation umgesetzt wurde.
Statt sich wie normalerweise in Turmas aufzuteilen, blieben die Kinder die ganze Woche über jeden Tag zusammen in der Turnhalle und es gab verschiedene Aufführungen. Jede Oficina zeigte den anderen Kindern, was sie in den lezten Wochen einstudiert hatte: der Chor, die Hip-Hop-Gruppe, die Capoeiras, die Percussion-Band, die Gaúcho-Tanz-Gruppe und die Theater- und Tanzgruppe, die ich in den letzten Wochen betreut habe mit dem Stück "ser feliz está en nossas mãos" (Glücklich sein liegt in unseren Händen).
Neben den artistischen Auftritten gab es eine "direktionierte Pause", in der jeder Lehrer etwas anderes anbot: von 11-Meterschiessen über Ponyreiten und Hindernislauf bis hin zu Dosenwerfen, Stelzenlaufen und Tischkickern war alles dabei, was das Kinderherz begehrt.
Ich wurde kurzerhand dem Kinderschminken zugeordnet, bei dem am meisten helfenden Hände gbraucht wurden und wie so häufig war "ich hab da gar kein Talent für" keine Ausrede.
Den Kindern war es aber auch egal, ob der Schmetterling ein bisschen schief geriet oder ob ein Leopard eigentlich eine andere Musterung hat.
Der "lanche", der Imbiss der Kinder war diese Woche auch ein besonderer, statt wie sonst meistens belegte Brote gab es Kuchen, Pizza, Würstchen im Schlafrock oder Hotdogs.
Das grösste Highlight der Woche war aber für die Kids der Ausflug in den Zoo. Schon seit Wochen redeten die Kleinen kaum von etwas anderem und morgens waren sie so aufgeregt, dass sich die Abfahrt um eine Stunde verzögerte, weil es vor lauter Gezappel und Gerenne unmöglich war, die Liste durchzugehen und jedem ein Namensschild anzupinnen.


Neben Spiel, Spass, Tanz und Gesang hatte die Woche aber auch ihre ernste Seite: Ein grosses Plakat erinnerte an die Kinderrechte, die leider für viele der Kinder im Cesmar weit entfernte Träume sind. Nicht alle von ihnen wachsen ohne Hunger, ohne Gewalt, ohne Kinderarbeit und ohne Missbrauch auf, nicht alle haben den Zugang zu Bildung und ärztlicher Versorgung.
Ein anderes Plakat mit dem Titel "Kind sein ist...." lud die Kinder ein, ihre Gedanken aufzuschreiben. Da standen Dinge wie
"glauben, dass alles im Leben möglich ist",
"Freunde machen, bevor man überhaupt den Namen des anderen kennt",
"rennen, spielen, springen"
"jeden Abend denken >das war der schönste Tag meines Lebens<" oder "etwas ganz besonderes" So sollte Kindheit sein, aber leider ist das häufig nicht der Fall. Wie wenig unbeschwerte Kindheit viele der Kleinen haben, wurde diese Woche besonders deutlich. Ich war überrascht davon, mit was für Kleinigkeiten man den Kindern im Cesmar eine riesige Freude machen kann: auf der Bühne ein Lied singen und danach hören "Wow, das hast du aber toll gemacht"; ein Stück Schokoladenkuchen; eine Busfahrt in eine andere Stadt; einmal einen Elefante sehen; jemanden, der hinsieht, wenn man "Guck mal!" ruft; im Bus auf dem Schoss eines Lehrers schlafen, der einem über die Haare streicht; ein bisschen rosa Farbe im Gesicht, die die Narben verdeckt und einen in einen Schmetterling verwandelt.
Die semana das crianças war mal wieder eine Sonderwoche, die uns Lehrer jede Menge Nerven gekostet hat (insebsondere der Ausflug in den Zoo!) aber es gibt wohl kaum einen schönen Lohn für seine Mühen als ein Kind, das dich zum Abschied umarmt und sagt: "Ich kann´s kaum erwarten, morgen wieder ins Cesmar zu kommen".