Erfahrungen und Erlebnisse aus meinen Freiwilligendienst in Porto Alegre
Sonnenuntergang in Porto Alegre
Donnerstag, 11. November 2010
"Und jetzt bitte einmal mit Akzent" - wie ich in Brasilien zum Model wurde
Die ganze Geschichte klingt so unglaublich, als wäre sie einer kitschigen lateinamerikanischen Novela entsprungen:
Eines Tages fand ich nach der Arbeit eine Email von meiner Austauschorganisation in meinem Postfach, das ungefähr folgenden Text enthielt:
"Liebe Franziska, hier in Porto Alegre wird ein Werbespot gedreht und dafür brauchen sie blonde Menschen mit Akzent - versuch doch mal dein Glück!"
Da ich mir dachte "versuchen kostet ja nichts" ging ich am nächsten Tag zum Casting, ohne genau zu wissen, was mich da erwarten würde.
Was mich da erwartet war nach der Begrüssung die Frage "Von welcher Modelagentur komst du denn?" MODELAGENTUR??? Nachdem ich stotternd zugab, ich hätte sowas noch nie gmacht, erntete ich mitleidige Blicke von den anderen Mädels, die schon im Wartezimmer sassen.
Leicht verunsichert ging ich in den Aufnahmeraum, als ich aufgerufen wurde und erfuhr, worum es ging: Ein Werbespot für eine Uni, die ein neues Austauschprogramm hat und deshalb möglich multikulturell erscheinen sollte.
Meine Aufgabe war dementsprechend : "Sprich folgenden Text mit möglichst viel Akzent!!"
Ich machte mir keine grossen Hoffnungen nach dem Casting und war umso überraschter, als 2 Tage später das Telefon klingelte "Franziska, kannst du die Rolle der Deutschen spielen??"
Kaum 2 Tage später war es dann so weit: Ich wurde morgens vor 6 abgeholt und zum Set gefahren und erfuhr dann ersmal, dass das "Leben als Model" gar nicht so aufregend ist, wie man denkt: Ich wartete erstmal 4 Stunden, während "die Bolivianerin" und "die Australierin" dran waren. Dann ging plötzlich alles ganz schnell: Kostümprobe, ich hatte ja keine Ahnung, worauf man da alles achten muss ( lieber grün, das passt zu den Augen, nein blau, aber das ist schon der Franzose, dann halt rot, aber warte, lieber gelb?), Haarstyling und professionelles Makeup.
Gefühlte 10 Kostüm und Stylingvariationen später sass ich dann vor der Kamera, doch bevor es losging, wurde erstmal eine Stunde lang Beleuchtung und Ton abgestimmt, was meine Nervosität noch deutlich steigerte.
Als es endlich losging, verging die Zeit dann wir im Flug: Jede Szene war nach 3 Klappen im Kasten, sogar die schlimmste, in der ich einen einseitigen Text auf Portugiesisch aufsagen musste (es war dabei gar nicht so einfach, die Balance zwischen "Akzent" und "unverständlich" zu finden). Nach gefühlten 20 Minuten hiess es dann schon "Danke, Franzie, das haben wir im Kasten".
Kaum war ich zu Hause, abgeschminkt und umgezogen, war das "brazilian next topmodel"-Gefühl auch schon wieder vorbei - aber eine tolle Erfahrung war es auf jeden Fall.
Das Resultat von 3 Drehtagen? Zwei Werbespots, die jetzt hier im Fernsehen laufen (sogar in der Novela-Werbung!!) und den dank Youtube auch neugierige Leute aus Deutschland anschauen können!
Dienstag, 12. Oktober 2010
Wahl in Brasilien
Die Präsidentschaftswahl.
Das Wahlsystem ist hier in Brasilien kompliziert und vielschichtig, deshalb habe ich nicht alle Details und Feinheiten verstanden habe (vielleicht liegt das aber auch daran, dass mein Portugiesischwortschatz im Bereich "politische Fachbegriffe" ziemlich grosse Lücken aufweist).
Trotzdem werde ich versuchen, die Dinge ein bisschen zu erklären, falls es aber zu grosse Konfusion stiftet, verweise ich darauf, "brasilianisches Wahlsystem" bei Google einzugeben.
Der grösste Unterschied ist in erster Linie, das man hier nicht die Partei, sondern einen Kandidaten wählt. Nicht nur für den Präsidenten, sondern auch für "senador", "goverador" und "deputado federal" (die Aufgaben dieser Ämter können ebenfalls bei Google gefunden werden).
Dementsprechend gestaltet sich auch der Walhkampf ganz anders als in Deutschland:
Hier in Brasilien gibt es eine elektronische Urne und man muss die Nummer des Kandidaten eingeben. Dafür muss man die Nummer natürlich wissen, und deshalb wurde die Bevökerung in den letzten Wochen in Wahlwerbung geradezu ertränkt. In der Stadt bekam man überall Zettel in die Hand gedrückt mit dem Gesicht eines Politikers, seinem Vornamen und seiner Nummer. Hier in Brasilien nennt man alle Politiker beim Vornamen, was für mich am Anfang irgendwie seltsam war, denn ein Gespräch über Politik klingt dann in etwa so:
"Ich werd den Mauricio wählen, denn dieser Ana kann man nicht vertrauen."
"Findest du? Die Ana arbeitet doch mit Flávio zusammen und den finde ich deutlich kompetenter als Mariana!"
Aber neben den Zettelchen nutzt die Politikpropaganda hier auch jedes andere Kommunikationsmedium: im Fernsehen gibt es einen speziellen "horario da propaganda politica" zu den Top-Sendezeiten (beim Mittagessen und zwischen Nachrichten und Novela), in dem eine Stunde lang ununterbrochen Wahlwerbung gezeigt wird.
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien und Kandidaten sind dabei für mich als politisch nicht wirklich informierten Zuschauer kaum zu erkennen.
Die Schlagworte, die in jedem Werbespot fallen, sind "Educação" (Bildung), "Segurança" (Sichereit) und "Saúde", (Gesundheit), wobei bei keinem Kandidaten deutlich wurde, wie genau er diese Ziele erreichen will.
Jeder Kandidat hat aber eine eigene kleine Musik in seinem Werbespot, das den Namen und die Nummer beeinhaltet. Diese Jingles wurden als perfekte Ohrwürmer komponiert, und so könnte auch ich jetzt auf Anhieb mindestens 13 Kandidaten mit ihrer Nummer nennen.
Die Jingles werden städig im Radio oder von auf Motorrädern befestigten Ghettoblastern gespielt, die durch die Strassen fahren.
An so ziemlich jeder Mauer oder Hauswand klebt ein Wahlplakat oder wurde mit Farbe die Nummer und der Name eines Politikers geschrieben und in der Stadt schwenken Leute riesige Fahnen mit den Nummern - man kann dem Wahlkampf hier nicht entkommen!!!
Es gibt hier eine Wahlpflicht, das heisst, jeder, wirklich jeder Bürger muss wählen, was in einem Land wie Brasilien gar nicht so einfach ist: Eine unglaublich grosse Bevölkerung, verteilt über eine grosse Fläche, viele Analfabeten und politisch Ungebildete, abgeschiedene Indianerstämme im Amazonas, grosse Gebiete, die nicht mit Infrastuktur erschlossen sind...
Deshalb laufen im Fernsehen auch Aufklärungsspots, in den denen erklärt wird, wie man wählt:
Die Prozedur an der elektronischen Urne ("Geben Sie die Nummer des Kandidaten ein, den Sie wählen wollen, und bestätigen Sie mit de grünen Taste), die Wahlgrundsätze ("Ihre Wahl ist geheim und niemand wird nachvollziehen können, wen Sie gwählt haben") , was man mitbringen muss ("In diesem Jahr gibt es ein neues Gesetz: Um wählen zu können, müssen Sie neben dem Título de eleitor ein weiteres Dokument mit Foto mitbringen") oder überhaupt erstmal, welche Aufgaben eigentlich die Personen haben werden, die die einzelnen Ämter bekleiden.
Wenn man hier nicht wählen geht, muss meine eine Geldstrafe zahlen und wenn man über mehrere Wahlgänge das Votum verweigert, wird man von allen öffentlichen Dienstleistungen ausgschlossen und kann z.B. seinen Führerschein nicht verlängern lassen oder das Gesundeitssystem nutzen.
Obwohl es unzählige Parteien gibt, waren nur drei Kandidaten wirklich wichtig für die Präsidentschaftswahl:
Dilma, von der PT (Arbeiterpartei), von der auch der momentane Präsidenten Lula ist;
Serra, von der PSDB (Sozialdemokratische Partei Brasiliens) und
Marina, von der Partido Verde (Grüne Partei).
Im ersten Wahlgang letzte Woche ereichte keiner dieser Kandidaten die absolute Mehrheit der Stimmen, weshalb es einen "segundo turno", eine Stichwahl zwischen Dilma und Serra gibt, die am meisten Stimmen erreicht haben.
Ich verstehe nicht genug von diesem Land, seinen Problemen und seiner Politik, um über die beiden Kandidaten und ihre Ideen urteilen zu können, aber aus Gesprächen mit meiner Gastfamilie, Freunden und Kollegen habe ich heraushören können, das beide Kandidaten relativ umstritten sind.
Ich habe hier die Wahlwerbespots einiger Kandidaten eingefügt, damit ihr euch ein Bild vom Wahlkampf machen könnt. Die Parteien habe ich dabei völlig zufällig gewählt und sie spiegeln nicht meine politische Überzeugung wieder.
Ausserdem findet ihr den Regierungs-"Aufklärungsspot", der erklärt, was der Präsident eigentlich so macht.
Donnerstag, 7. Oktober 2010
"Semana das crianças" im Cesmar
Schon wieder stand im Cesmar eine "Sonderwoche" an, diesmal die Semana das crianças, die Kinderwoche.
Da könnte man langsam denken: Mensch, wann ist denn da in diesem Projekt mal normaler Alltag?
Die Antwort lautete: Ziemlich selten, und das ist auch so beabsichtigt. Das Cesmar ist keine Schule und hat daher keinen festen Lehrplan oder andere Vorgaben, die erfüllt werden müssen.
Die Kinder sollen vorallem deshalb in das Projekt kom
Deshalb versuchen die Mitarbeiter immer aufs Neue, den Kindern irgendeine spannende Beschäftigung zu bieten; ein Spiel, dass sie noch nicht kennen, einen Tanz, den sie noch nie gesehen haben, ein neues Lied singen oder eben diese Sonderwochen, in denen alles etwas anders abläuft.
Die Semana das crianças war vollkommen den Kindern gewidmet und die Lehrer liessen sich unglaublich viel einfallen, was mit einfachen Mitteln und viel Improvisation umgesetzt wurde.
Statt sich wie normalerweise in Turmas aufzuteilen, blieben die Kinder die ganze Woche über jeden Tag zusammen in der Turnhalle und es gab verschiedene Aufführungen. Jede Oficina zeigte den anderen Kindern, was sie in den lezten Wochen einstudiert hatte: der Chor, die Hip-Hop-Gruppe, die Capoeiras, die Percussion-Band, die Gaúcho-Tanz-Grup
Neben den artistischen Auftritten gab es eine "direktionierte Pause", in der jeder Lehrer etwas anderes anbot: von 11-Meterschiessen über Ponyreiten und Hindernislauf bis hin zu Dosenwerfen, Stelzenlaufen und Tischkickern war alles dabei, was das Kinderherz begehrt.
Ich wurde kurzerhand dem Kinderschminken zugeordnet, bei dem am meisten helfenden Hände gbraucht wurden und wie so häufig war "ich hab da gar kein Talent für" keine Ausrede.
Den Kindern war es aber auch egal, ob der Schmetterling ein bisschen schief geriet oder ob ein Leopard eigentlich eine andere Musterung hat.
Der "lanche", der Imbiss der Kinder war diese Woche auch ein besonderer, statt w
Das grösste Highlight der Woche war aber für die Kids der Ausflug in den Zoo. Schon seit Wochen redeten die Kleinen kaum von etwas anderem und morgens waren sie so aufgeregt, dass sich die Abfahrt um eine Stunde verzögerte, weil es vor lauter Gezappel und Gerenne unmöglich war, die Liste durchzugehen und jedem ein Namensschild anzupinnen.
Neben Spiel, Spass, Tanz und Gesang hatte die Woche aber auch ihre ernste Seite: Ein grosses Plakat erinnerte an die Kinderrechte, die leider für viele der Kinder im Cesmar weit entfernte Träume sind. Nicht alle von ihnen wachsen
Ein anderes Plakat mit dem Titel "Kind sein ist...." lud die Kinder ein, ihre Gedanken aufzuschreiben. Da standen Dinge wie
"glauben, dass alles im Leben möglich ist",
"Freunde machen, bevor man überhaupt den Namen des anderen kennt",
"rennen, spielen, springen"
"jeden Abend denken >das war der schönste Tag meines Lebens<" oder "etwas ganz besonderes" So sollte Kindheit sein, aber leider ist das häufig nicht der Fall. Wie wenig unbeschwerte Kindheit viele der Kleinen haben, wurde diese Woche besonders deutlich. Ich war überrascht davon, mit wa
Die semana das crianças war mal wieder eine Sonderwoche, die uns Lehrer jede Menge Nerven gekostet hat (insebsondere der Ausflug in den Zoo!) aber es gibt wohl kaum einen schönen Lohn für seine Mühen als ein Kind, das dich zum Abschied umarmt und sagt: "Ich kann´s kaum erwarten, morgen wieder ins Cesmar zu kommen".
Dienstag, 21. September 2010
Semana Farroupilha im Cesmar "Kann nicht - Gibt´s nicht"
So etwas wie Alltag hat sich im Cesmar noch nicht eingestellt, weil wir in der letzten Woche eine Art "Projektwoche" hatten: die "semana farroupilha"
Es handelt sich dabei um ein traditionelles Fest hier im Stadt Rio Grande do Sul, bei dem an die "revolução farroupilha", die "Lumpenrevolution" von 1835 erinnert wird.
Kurz gesagt lehnten sich in Revolution und dem darauffolgenden 10-jährigen Krieg die Fazenda-Besitzer von Rio Grande do Sul gegen das Kaiserreich Brasilien auf und wollten sich unabghängig erklären. Hauptmotiv war dabei die wirtschaftliche Lage in diesem Staat, der hauptsächlich von der Landwirtschaft lebte und auf Grund von hohen Salzsteuern, Binnenzöllen und hoher Konkurrenz aus dem Ausland eine schwere Krise durchlebte.
Die Aufständischen verloren den Krieg gegen die kaiserlichen Truppen, doch die Revolutionsführer werden in Gio Grande do Sul als Helden gefeiert und die Erinnerungswoche ist wichtiger Teil der regionalen Kultur hier im Süden.
Im Cesmar lief in dieser "Semana Farroupilha" alles ein bisschen anders ab als sonst: Alle Kinder versammelten sich jeden Tag im "Galpão", einer traditionellen Bretterhütte und lebten alle Facetten der Gaúcho-Kultur aus:
Viele der Kinder und der Lehrer kamen in traditioneller Tracht, es lief Gaúcho-Musik und wurde viel getanzt und gesungen, es gab eine Pferdekutsche, Ponyreiten und Lassowerfen oder man sass einfach im Kreis zusammen und trank chimarrão, den bitteren, heissen Tee aus Kalabassen und spielte dabei Karten oder unterhielt sich, dazu wurden Unmengen von Würstchen über dem offenen Feuer gegrillt.
Die Kinder hatten an diesen besonderen Tagen sehr viel Spass, aber wir Educadoren hatten vorallem sehr viel Arbeit!
Statt normalerweise nur 30, betreuten wir plötzlich mehrere hundert Kinder auf einmal! Man konnte seine Augen gar nicht überall haben und so wurde auch ich als vollwertige Educadorin mit eingespannt. Ausreden wie "Ich kann noch nicht so gut Portugieisch" oder "Ich hab das noch nie gemacht" galten nicht, denn alle hatten mehr als genug zu tun und so musste jeder mithelfen, nach dem Motto "Kann nicht, gibt´s nicht".
Plötzlich musste ich also den Malwettbewerb beaufsichtigen, das Essen und die Getränke austeilen und darauf achten, dass jeder etwas bekommt, hier und da einen Streit schlichten, die Begrüssung und Eröffnung moderieren und das Pony führen, in der Küche helfen, den chimarrão aufgiessen, Gaúcho-Tänze tanzen, mit den Kindern Sackhüpfe spielen und traditionelle Lieder vorsingen.
Zum Abschluss der Woche gab es dann abends noch ein grosses churrasco, also ein traditionelles Grillen der Mitarbeiter, zu dem wir Freiwilligen natürlich auch eingeladen waren.
Die Woche war für mich sehr schön und vorallem interessant, da ich ein bisschen in die faszinierende Gaúcho-Kultur eintauchen konnte. Sie war aber auch gleichzeitig eine Feuerprobe für uns Freiwillige - über 200 Kinder, völlig neue Aufgaben und eine fremde Sprache (!) - und ich bin auch froh, dass ab morgen der normale Tagesbetrieb wieder aufgenommen wird, der bei weitem nicht so anstrengend ist!
Fotos vom Cesmar
Wie man sieht, verbringen Kinder in Brasilien ihre Pausen genauso wie Kinder in Deutschland und überall auf der Welt: Sie tollen herum, springen Springseil, spielen Karten oder malen.
Die Fotos helfen vielleicht, sich das Projekt ein bisschen besser vorzustellen, aber wie immer gilt:
live ist es dann doch ganz anders als auf den Bildern!
Freitag, 10. September 2010
Formatura

Ich habe das grosse Glück, dass mein Gastbruder Felipe gerade mit der Uni fertig ist und ich deshalb letzte Woche mit zu seiner "Formatura" kommen durfte.
Bei der Formatura handelt es sich um die offizielle Entlassung der Studenten, eine grosse Zeremonie mit anschliessender Feier.
Zum Glück hatte meine Gastfamilie mich schon per E-Mail eingeladen, als ich noch in Deutschland war. Ich war mir nicht recht sicher, was man bei so einem Anlass azieht und hatte vorsichtshalber mein Abiballkleid eingepackt - für alle Fälle.
Eine sehr weise Entscheidung!
Die Formatura ist ein grosses Ereignis hier in Brasilien und deshalb macht man sich für diesen besonderen Anlass richtig schick.
Also musste ich mir noch schnell passende Schuhe und eine Abendtasche besorgen, bevor es losgehen konnte!

Die ganze Familie kam zur Feier des Tages angereist und so verbrachten wir den Tag mit Essen, Feiern und Unterhalten.
Eine Stunde, bevor es abends losging, bot sich dann im Haus ein Szenario, dass wohl überall zwischen Norwegen und Neuseeland gleich abläuft:
Wir Frauen, also meine Gastmutter, -tante, -cousine und ich, wuselten aufgeregt durchs Haus, vom Bad zum Schrank und wieder zurück und probierten Ohrringe aus, steckten Haare hoch, um sie dann doch wieder aufzumachen, tauschten Wimperntusche und lackierten uns die Nägel, während die Männer (mein Gastvater, - bruder, -onkel, und -cousin) längst umgezogen auf dem Sofa sassen, Fussball schauten und in regelmässigen Abständen besorgt auf die Uhr guckten - manche Dinge sind wohl überall auf der Welt gleich!
Nachdem auch wie Frauen endlich fertig waren und wir alle in die Autos verstaut hatten (kein so leichtes Unterfangen, wenn deutlich mhr Personen als Plätze da sind) ging es los in die A
Dort bot sich mir dann ein unglaubliches Spektakel, mit Lasershow und Musikeffekten, mit langen Reden, Hymnen und Eidesbekundungen und natürlich dem traditionellen "Hut-in-die-Luft-werfen".
Eine Zeremonie wie diese hatte ich in Deutschland noch nie erlebt und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
Ein wunderschöner Abend und ich habe wirklich riesiges Glück, dass ich dabei sein durfte!
Sonntag, 5. September 2010
Erste Woche im Cesmar
Seit einer Woche arbeite ich jetzt jeden Tag im Cesmar und da ich jeden Tag neugierige Fragen erhalte, was ich da so mache und wie alles abläuft, versuche ich mal, ein bisschen meine Aeit zu beschreiben.
Ich befinde mich im Moment noch in der Eingewohnungs- und Observationsphase, um das Projekt besser kennen zu lernen und mich zurechtzufinden.
Deshalb komme ich jeden Morgen um kurz nach 8 im Cesmar an und bespreche mit meinem Chef Marco, in welchem Bereich ich mich heute aufhalten werde.
Die Kinder kommen um kurz vor 8 ins Cesmar und frühstücken dann gemeinsam und nach dem Essen gehen sie in ihre "Turmas". Turmas sind in etwas sowas wie Klassen; es gibt 8 verschiedene, die nach Altersstufen getrennt sind. In der ersten Turma sind die Kinder 5 oder 6 Jahre alt, in der Turma 8 sind die 15jährigen.
Ich besuche jeden Tag eine andere Turma und schaue mir an, was die Educadoren, quasi die Lehrer des Projektes, mit den Kindern machen. Jeder Educador ist für einen anderen Bereich zusändig: Es gibt einen Sport-Educador, eine Kunst-Educadorin, eine Theater-Educadorin, einen Capoeira-Educador, einen Hip-Hop-Educador, einen Gauchotänze-Edcador, einen Percussion-Educador, eine Informatik-Educadorin, eine Tanz-Educadorin, eine "Unterrichts"-Educadorin und Educadorinnen, die sich nur um die unteren Turmas kümmern.
Die meisten Turmas haben an jeden Tag mit verschiedenen Educadoren "Unterricht" und dem Alter entsprechend werden dann auch unterschiedliche Dinge gemacht.
Da ich die Kinder noch nicht kenne und auch meine Portugieischkenntnisse zwar für den Hausgebrauch, aber noch nicht zum Streitschlichten reichen, ist es in den ersten Wochen etwas schwierig, mich ins Geschehen einzubringen. Aber es gibt immer kleine Sachen, die ich machen kann, um den Ablauf im Cesmar zu vereinfachen oder mit den Kindern in Kontakt zu treten: Papier und Stifte zum Malen austeilen, bei einem Gruppenspiel die Punkte an der Tafel notiere, die Karten für die Kleinen mischen, das Springseil schlagen, beim Austeilen des Essens helfen oder in der Pause fangen spielen.
Ich habe zur Zeit noch keine “festen” Aufgaben, sondern mache eben solche kleinen Dinge. Die Kinder sind begeistert von unseer Anwesenheit. Die meisten haben keine Ahnung, wo Deuschland eigentlich liegt und verstehen es nicht, dass wir eine andere Sprache sprechen, aber sie wissen: Wir sind von weit, weit her gekommen, um mit ihnen zu spielen. Die Definition von “weit, weit her” ist aber eine etwas andere für die Kinder, die noch nie ihr Stadtviertel verlassen haben und so warden wi r jeden abend an der Bushaltestelle gefragt, welchen Bus man eigentlich nehmen muss, um nach Deutschland zu fahren.
Wenn wir morgens im Projekt erscheinen, ist das jedes mal noch ein Ereignis: “SORA!!” schallt es von allen Seiten über den Hof, die Kurzform von “profesora”, Lehrerin, wie die Kinder mich nennen. Meine Stellung zweifeln die Kleinen in keiner Weise an und so wede ich auch häufig am Ärmel gezupft, um einen Streit zu schlichten. Dafür reichen meine Sprachkentnisse bei weitem noch nicht, aber manchmal hilft schon ein strenger Blick und ein “calma, meninos” in etwa “ruhig Kinder”, um die Situation zu klären.
Das Verhältnis zwischen Educadoren und Kindern ist nicht mit der deutschen Schüler-Lehrer-Beziehung zu vegleichen. Sie Educadoren werden von den Kindern zur Begrüssung und zum Abschied geküsst und während des Tages häufig umarmt, sie halten auf dem Hof Händchen oder sitzen im Untericht auf dem Schoss der Educadoren. Unser Chef hat uns erklärt, dass die meiste Kinder zu hause wenig Liebe, Wärme und Geborgenheit empfangen: häufig sind die Eltern gewalttätig, alcohol- oder drogenabhänig, viele Mütter sind sehr früh ungewollt schwanger geworden und deshalb mit der Erziehung komplett überfordert.
Im Cesmar wird das ein bisschen aufgefangen und die Kinder bekommen von uns buchstäblich die “Streicheleinheiten”, die zu Hause fehlen. Auf diesm Hintergrund muss man auch die häufigen Streitigkeiten und Reiberein zwischen den Kindern sehen, die mich in den ersten Tagen zugegeben ein bisschen geschockt haben. Die meisten Kinder lernen Gewalt aber in ihrem Alltag als normale Kommunikationsform kennen und prügeln sich deshalb so häufig, andere forden so einfach Aufmerksamkeit ein. Das Vorhegen bei Prügelein ist deshalb: Die Streithähne trennen, am besten mit 2 Educadoren, und den Konflikt klären. Dabei die KInde anfassen und amgucken. Wenn das nicht hilt oder es sich um eine handfeste Prügelei handelt, kommt Marco ins Spiel, der mit den betreffenden Kinder nein klärendes Gespräch in einem gesonderte Raum führt oder auch Massnahmen wie zeitweilige Suspendierung vom Cesmar ergreifen kann. Ein wirklich harte Konsequenz für die Kinder, denn sie sind sehr gerne im Cesmar.
Die Kinder verlassen das Cesmar um 11.30 Uhr und dan haben wir Educadoren Mittagspause, wir essen gemeinsam und beschäftigen uns dann bis 13.30 Uhr, wenn die zweite Schicht Kinder eintrifft. Der Ablauf ist dann ähnlich wie am Morgen, um 15.00 Uhr gibt es noch eine Mahlzeit für die Kinder und um 17.20 Uhr gehen sie nach Hause und auch wir machen uns auf den Heimweg.
Ich hoffe, ihr habt einen kleinen Einblick erhalten, was ich den ganzen Tag so mache und könnt euch das Cesar vorstellen, aber wahrscheinlich nicht: Es fehlen mir irgendwie die Worte, um dieses grossartige Projekt, dass wie eine Oase in der Favela liegt, zu beschreiben. Häufig sagt ja ein Foto mehr als 1000 Worte, aber bis jetzt habe ich noch keine, die ich zeigen könnte, denn ich wollte in den ersten Tagen von den Kindern nicht als “Tourist” wahrgenommen warden, sondern als echte Educadorin.
Fotos folgen aber noch, wenn ich etwas länger hier bin!