Sonnenuntergang in Porto Alegre

Sonnenuntergang in Porto Alegre

Montag, 27. Juni 2011

Ferien in Uruguay - Der Schatz am Silberfluss


Ferien in Uruguay!!
Eins der letzte langen Wochenenden meines Austausches nutzte ich, um unser wunderschönes Nachbarland am Rio de la Plata kennenzulernen.
Ich begab mich also auf eine selbstmördeische 15-Stunden-Busfahrt in einem nur mässig komfortablen Reisebus voller Studenten, der europäische Sicherheitsstandarts bestimmt nicht erfüllt hätte und verbrachte ein grossartiges Wochenende in der atemberaubend schönen Hauptstadt Montevideo.
Für einen detailierten Reisebericht fehlt mir leider die Zeit ( und euch bestimmt die Leselust), aber ein paar Impressionen müssen schon sein.
In Urguay habe ich
- unter dem eisigen Arktiswind "minuano" gelitten und in einem antiken Hostel gefroren, in dem die Fenster sich nicht schliessen liessen
- mal wieder meine lateinamerikanische Geduld üben müssen ( da wartet man locker mal 2 Stunden auf die Letzten der Gruppe)
- die wunderschöne Altstadt Montevideos mit all ihren verwunschenen Ecken, zauberhaften Parks und der atemberaubenden Mischung aus alt und neu erkundet
- Unmengen vom Fleisch am Hafenmarkt probiert
- noch mehr Facetten der Gauchokultur kennengelernt
- jedem Tag dem Himmel gedankt, dass ich mir in Bolivien ein Alpakawolle-Tuch gekauft habe, ohne das ich definitiv nicht das Hoste hätte verlassen können
- Shakespears "Wintermärchen" im ältesten Theaters Uruguays angeschaut
- unglaublich interessante Menschen aus allen Winkeln Lateinamerikas kennen gelernt
- die Werke uruguayischer Protestkünstler bewundert
- den legendären Silberfluss (Rio de la Plata) gesehen
- das erste Mal in meinem Leben eine Mütze getragen (es war wirklich furchtbar kalt!!)
- eine atemberaubene Tangoshow in DER Kultbar Uruguays angeschaut und aufgrund von Kursproblemen fast nicht die Rechnung bezahlen können
- Salsa, Samba, Reaggeaton und ein bisschen armseligen Tango getanzt
- den Kaufrausch der Brasilianer im Duty-Free-Bereich der Grenze bestaunt
- es mir nicht nehmen lassen, über die Grenze nach Brasilien zu springen

Leider fehlen mir bis heute die Technikkenntnisse, um die Fotos in die richtige Reihenfolge zu bringen:

Donnerstag, 2. Juni 2011

Favela-Impressionen aus Mario Quintana, Rubem Berta

Meine Kollegin aus dem Cesmar lud mich ein, mit ihr Familienbesuche bei den Kindern durchzuführen, die häufig im Cesmar fehlen. Sie ist unsere "assistente social", so eine Art Sozialarbeiterin, Jugendamt, Seelsorgerin und Rechtsbeistand in einem. Ihre Aufgabe, ist es, den Familien zu helfen und beizustehen und besucht sie deshalb von Zeit zu Zeit umd zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

Einige Häuserblocks vom Cesmar entfernt beginnt die "echte" Favela, in der unsere Kinder leben und die ich noch nie besucht habe.
Die Behausungen hier sind alle illegal, niemand hat sein Grundstück gekauft.
Keine asphaltierten Strassen. Weder Strom noch fliessend Wasser. Matschige Trampelpfade zwischen den Barracken. Die Abwässer werden auf die Strasse geleitet; Spülwasser und Fäkalien bilden Pfützen am Strassenrand.

Ein "Haus", das wir besuchen.
Gammlige Holzplanken und Pappe wurden notdürftigt zusammengefügt. Die Barracke ist halboffen und der eisige Wind weht herein. Im Schlafzimmer fehlt eine komplette Wand. Nachts wird das Loch provisorisch mit Müllsäcken verschlossen. Die Besitzerin seufzt: "Da muss bald was passieren. Meine 3 Kinder haben Asthma und 2 haben Bronchitis. Bevor es kalt wird, muss ich da eine Wand hinbauen". Während unseres Besuches hat es 10 Grad Celsius.
Eine gammlige Matratze auf dem Fussboden bildet das "Bett" für 5 Personen. Es gibt keinen echten Boden, sondern nur die blanke Erde.

Meine Kollegin zeigt mir den Fluss, in den die Drogenbosse die Leichen werfen. So kann die Polizei keine Frage stellen.

Müllberge, so weit das Auge reicht. Teilweise 1 bis 2 Meter hoch türmen sie sich auf den Gründstücken. Die meisten Leute halten sich hier mit Müllsammeln über Wasser, nutzen, was sie brauchen können und verkaufen den Rest.

Barfüssige Kinder laufen über den eisigen Boden.

An der Ecke tauschen zwielichtige Männer Päckchen und schauen sich argwöhnisch um.

Drei Kinder backen am Strassenrand Sandkuchen und laden mich zu ihrer "Geburtstagsfeier" ein. In ihrer Fantasie türmen sich vor ihnen Schokoladen- und Erdbeertorten, aber traurigen Blickes erklärt die kleinste: "Leider ist nichts davon echt".
Ihre Mutter erzählt von der Nacht, in der die Polizei bei ihr im Schlafzimmer stand, um ihren Mann zu verhaften.
12 Jahre wegen eines Tötungsdeliktes. Vor kurzem wurde er in eine andere Stadt verlegt und sie kann ihn nicht mehr besuchen, weil der Bus zu teuer ist.
Sie ist drogenabhängig. "Ich hätte wirklich Grund mich umzubringen" Neben ihr spielen ihre KInder immernoch Geburtstag.

Ein kleiner Junge mit Down-Syndrom bettelt um Essen. Eine ältere Dame schiebt ihm durch den Zaun eine Banane zu. "Er kriegt ja sonst nichts".

Halbwüchsige Jugendliche mit auffallend teuren Handys und Mrakenklamotten stromern durchs Viertel.

Eine junge Mutter mit Neugeborenem lebt ein einem Holzverschlag neben dem Fluss. 2 x 2 Quadratmeter, keine Tür, die Hälfte der Rückwand fehlt. Sie ist aus der Nachbarstadt Alvorada vor ihrem Mann geflüchtet.

Offensichtlich unter Drogen stehende Menschen irren ziellos umher.


Mitten im bittersten Elend steht eine 2-stöckige Villa. Meine Kollegin stupst mich an und flüstert "Drogenboss".
Porto Alegre gilt als eine der reichsten Städte Brasiliens.


In 3 Jahren wird hier die Fussball-WM stattfinden.




Brasilien gilt als aufstrebende Wirtschaftsmacht und nicht mehr als Entwicklungsland.

Donnerstag, 26. Mai 2011

Lausige Zeiten oder Sozialarbeit von Kopf bis Fuss

Schrecksekunde beim Haarekämmen - ist das da EINE LAUS???
Nach einem kleinen Panikanfall (Laus. Laus? LAUS ?!?!) bat ich meine Gastmutter um ihre fachkundige Einschätzung zu dem kleinen schwarzen Punkt, der sich da auf meinem Haar munter von links nach rechts bewegte, aber auch sie konnte mir nicht weiterhelfen.
Also musste ein echter Experte ran: Meine Kollegin im Cesmar, die mir lachend bestätigte:
"Ja, Frã, das ist definitiv eine Laus und auch ein ganzer Haufen Nissen" Ich wollte kurs verzweifeln, aber meine Kollegin erklärte mir: "Das ist ganz normal und kein Grund zur Sorge. Jetzt bist du von Kopf bis Fuss Sozialarbeiterin.
Läuse gehören zu unserem Berufsprofil genauso wie Filzstiftstriche auf der Hose, Sand in den Schuhe, Heisskleberflecken auf der Jacke und Wasserfarbe unter den Fingernägeln."
Wikipedia bestätigt ihre Einschätzung, Läuse gehörten in einer Favela eben dazu:

In Mittel- und Nordeuropa liegt die Häufigkeit von Kopflausbefall im Kindesalter zwischen 2% und 20%, in Entwicklungsländern dagegen bei bis zu 60%. In einem städtischen Elendsquartier in Brasilien hatten 80% aller Mädchen Kopfläuse.

Da half dann also nur eins: Ab in die Apotheke und Anti-Läuse-Shampoo kaufen.
Bei der anschliessenden Nissen-Entfern-Aktion, bei der ich meine Haare mit verdächtig nach Chemie riechendem und höllisch brennenden Serum und Nissenkamm malträtierte (erschwerend kamen dazu die dynamischen 2 Quadratmeter Grundfläche des Badezimmers, in dem ich ständig irgendeinen Ellenbogen gegen die Wand stiess) verfluchte ich innerlich doch heimlich die Kinder, die mir die Läuse verpasst haben.
Was man als Freiwilliger nicht alles so durchmacht.....





Aber nach der Tortur heisst es jetzt undgültig: AUS DIE LAUS!!

Was mich morgen im Cesmar erwartet, weiss ich wie immer nicht. Aber angeischts der anderen Katastrophen sind Läuse eher ein kleines Problem und wie meine Kollgein sagte: "Mit dem erste Lausbefall bist du offiziell eine von uns!"

Sonntag, 15. Mai 2011

Muttertag in Rubem Berta

Kleine Geschenke für grosse Kämpferinnen

Genauso wie in Deutschland schneiden auch in Brasilien die Kinder kurz vor dem Muttertag rote Moosgummiherzen aus und schreiben mit krakeliger Schrift “Ich hab dich lieb” auf selbstgebastelte Karten. Im Cesmar, in dem ich seit inzwischen knapp 8 Monaten Freiwilligendienst leiste, hat dieser Tag aber noch eine ganz andere Bedeutung für die Kinder und die Mütter der Favela.

“Sora Franziska, ich habe aber gar keine Mutter” flüstert Yruan, als ich ihn auffordere, ein Bild für seine Mama zu malen. Nicht das erste Mal, dass ich diesen Satz in den letzten Woche höre, und wie immer antworte ich darauf genauso wie meine Kollegen “Wer kocht dir Tee, wenn du krank bist; wer tröstet dich, wenn du hinfällst; wer achtet darauf, dass du einen Schirm mitnimmst, wenn es regnet? Diese Person nimmt die Rolle deiner Mama ein, auch wenn sie vielleicht nicht deine Mutter ist “. Yruan überlegt kurz, antwortet dann “Meine Schwester Yasmin!” und beginnt begeisert, ein grosses Herz für sie zu malen. Wie Yruan werden viele Kinder, die das Cesmar besuchen, nicht von ihren leiblichen Müttern aufgezogen, sondern von Grossmüttern, grossen Schwestern, Tanten, Stiefmüttern, Cousinen oder Nachbarinnen. Viele der Mütter sind verstorben, im Gefängnis, waren mit der Erziehung überfordert oder sind eines Tages einfach verschwunden und so nahm eine andere weibliche Person die Mutterrolle ein und versucht, diese grosse Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen. Eine Mutter in der Favela zu sein, ist eine Herausforderung: in einer Umgebung, die von Gewalt, Drogen und Kriminalität dominiert wird, ist es nicht leicht, ein glückliches, verantwortungsbewusstes Kind aufzuziehen, das nicht auf die schiefe Bahn gerät. Meistens sind die Mütter dabei auch noch auf sich allein gestellt, denn Väter gibt es selten in den Favelafamilien und so müssen die Mütter den Lebensunterhalt verdienen, den Haushalt organiseiren und sich um die Kinder kümmern. Im Gottesdienst, das das Cesmar für sie vorbereitet hat, werden sie deshalb zu recht als “Kriegerinnen”, “Kämpferinnen” und “Löwenmütter” bezeichnet. Um diese ganz besondere Mütter zu ehren, basteln und werkeln wir schon seit Wochen mit den KIndern an Überraschungen, die am Muttertag überreicht werden sollen: ausrangierte Patientenmappen einer Zahnklinik werden so von fleissigen Händen in “Beste-Mutter-der-Welt-Ehrenmappen” verwandelt, in der Kunstwerke, Gedichte und Fotos Platz finden; eine riesige Stellwand im Eingangsbereich zeigt die verschiedenen Facetten des “Mutter seins”. In Gruppenarbeiten mit den Kindern erarbeiten wir, wie wichtig unsere Mama für unser Leben ist, was wir ihr alles verdanken und betonen, dass die Kinder bei Differenzen nicht von zuhause weglaufen sollen – ein Leben auf der Strasse führt fast unwillkürlich in die Kriminalität und Drogenabhängigkeit. Der Muttertag im Cesmar ist also mehr als nur eine eine kleine Karte basteln: es ist die Ehrung starker Frauen, die jeden Tag für die Zukunft ihrer Kinder kämpfen und die wichtige Nachricht für die Kinder: Du bist nicht allein in der Welt, selbst wenn du ohne deine Mutter aufwächst. Deshalb kann ich die Frage “Bastelst du auch ein Herz für deine Mutter?”, die in den letzten Tagen immer wieder aufkam, ohne Zweifel beantworten: “Ich bastele 2 Herzen. Für meine Mutter in Deutschland und meine Gastmutter. Denn momentan kocht sie Salbeitee für mich, wenn ich Halsschmerzen habe und deshalb auch meine Mama.”


Mãe é quem cuida, mãe é quem cria, mãe é quem ama

Muter ist, wer sich kümmert; Mutter ist, wer aufzieht; Mutter ist, wer liebt.

Sonntag, 8. Mai 2011

Sprung in der Platte?

Manchmal kommt es mir während meines Freiwilligendienstes vor, als hätte die Schallplatte einen Sprung: man hört wieder und wieder die gleichen Dinge...
Hier die 10 der häufigsten Sätze, die ich im Cesmar hör und sage:

Was ich 1000x am Tag sage:
1. Ay, que desenho lindo! (Was für ein schönes Bild)
2. Silencio! (Ruhe)
3. Não mexe! (Fummel da nicht dran rum)
4. Fila, meninos!! (Jungs, macht eine Schlange)
5. Ou que que houve? (Was ist los?)
6. Tu vai ficar sem intervalo! (Du bekommst keine Pause - heisst, das Kind darf in der Pause nicht spielen, sondern muss am Rand sitzen)
7. Não é assim que a gente resolve problemas aqui no Cesmar. A gente convera e não resolva as coisas aos socos. (So lösen wir keine Probleme hier im Cesmar. Wir reden miteinandern und regeln nichts durch Prügeleien)
8. Desce dai! (Komm von da oben runter)
9. Cuidado com o degrau/a tesoura / o copo.... (Vorsicht mit der Stufe, der Schere, dem Glas...)

Was ich 1000x am Tag höre:
1. Sora, tem repeteção? (Sora, gibt es Nachschlag?)
2. Sora, ele bateu em mim!! (Sora, er hat mich geschlagen!)
3. Sora, porque que tu fala engraçado? (Sora, wieso redest du so lustig?)
4. Sora, da para mim brincar? (Sora, darf ich spielen?)
5. Sora, tenho que ir ao banheiro! (Sora, ich muss auf die Toilette)
6. Sora, me empurra! (Sora, gibst du mir Anschwung?)
7. Sora, da pra mim desenhar? (Sora, darf ich was malen?)
8. Sora, Alemanha é muito longe? (Sora, ist Deutschland weit weg?)
9. Sora, eu vou me comportar agora! (Sora, ich werde mich jetzt benehmen)
10. Sora, não foi eu!!!!!!!!!! (Sora, ich wars nicht!!)




Was man also vorallem braucht: GEDULD. Denn die gleiche Frage kommt bestimmt wieder. Und dann muss man wieder die gleiche Antwort geben....

Freitag, 6. Mai 2011

Kindheit zwischen Norwegen und Neuseeland





Häufig werde ich aufgefordert: "Erzähl doch mal, was in Brasilien alles anders ist!"
Das habe ich aber schon zur Genüge getan und will heute einmal erzählen, was hier alles genauso ist wie in Deutschland.
Obwohl ich immer betone, dass die Kinder im Cesmar "speziell" sind, sind sie ganz objektiv betrachtet genauso wie alle anderen Kinder auf der Welt.
Die Kinder spielen gerne: Die Mädchen mit Puppen, die Jungs mit Autos und zusammen spielen sie Vater, Mutter, Kind.
In der Pause springen sie Seil und Gummitwist oder spielen Fussball oder Fangen, sie singen und tanzen gerne. Am liebsten trinken sie Kakao und essen "Doce de Leite", quasi die brasilianische Version des Nutella und "so schön süss", wie sie selber sagen - dass sie aber auch einen Apfel frühstücken ist meist ein kleiner Kampf. Sie malen gerne, am liebsten Häuser, Autos, Blumen und Schmetterlinge und natürlich darf die lachende Ecksonne nicht fehlen. Wenn sie hinfallen, dann weinen sie und wenn man pustet tut es nicht mehr weh. Die meisten reden am liebsten dann, wenn sie eigentlich den Mund halten sollten, sie streiten sich um Spielzeug und essen gerne Bonbons. Sie sind kreativ und erfinden mit begrenztem Material die tollsten Spiele, wie das Colaflaschendeckel-Spiel oder "Fio elétrico", den heissen Draht mit Gummitwist. Sie schaukeln und rutschen gerne, springen bei Regen begeistert in die Pfützen und gucken anschliessend unschuldig und sagen, die Hose sei ganz von allein dreckig geworden.
Ob James oder Johann, João oder Giovanni:Die Kinder sehen vielleicht anders aus, sprechen eine andere Sprache, haben eine andere Hautfarbe kennen und kennen vielleicht Spiele, die man anderswo nicht spielt. Kulturelle Unterschiede, sozio-ökonomisches Milieu hin oder her - in der Essenz ist Kindheit überall gleich, zwischen Norwegen und Neuseeland, zwischen Mexiko und der Mongolei.

Samstag, 23. April 2011

Kerzenschein und Unwetter - Abenteuer und Katastrophen

Seit Wochen und Monaten hatten die Educadoren des Cesmars auf diesen Tag hingearbeitet:
Karfreitag, der Tag der Insezierung des Kreuzwegs.
Wie in den mesiten lateinamerikanischen Ländern üblich, wird die Passion Christi auch in Brasilien szenisch dargestellt, vom letzten Abendmahl bis über die Festnahme und die Verurteilung bis hin zur Kreuzigung. Der Kreuzweg zieht sich dabei meist durch das ganze Stadtviertel und wird von der Bevölkerung gebannt verfolgt.
Auch in der Favela Rubem Berta sollte die Via Sacra aufgeführt werden und so wurde seit Monaten der Text geübt und geprobt, Bühnenbilder hergestellt und mit Liebe zum Detail Kostüme improvisiert: ein mit Isolationstape beklebter Motarradhelm mit Strohhalmen wurde so zur Soldatenuniform, mit Lederbändern umwickelte Hawaiana-Flipflops zu Römersandalen.
Den ganzen Karfreitag herrschte strahlender Sonnenschein, doch schon als die erste Szene aufgeführt wurde, fielen die ersten Tropfen. Broc, der Organisator des Kreuzganges, erklärte der versammelten Menschenmenge noch, dass die Inszenierung trotz Regens nicht abgebrochen würde, aber da wussten wir ja noch nicht, was uns erwartete.
Die erste Szene endete, wir gingen die Strasse entlang, um zur 2. Bühne zu kommen, doch als wir um die Ecke bogen, fielen und die Kinnladen herunter. Was sich da am Himmel anbahnte, sah nicht gut aus. "Oh Scheisse...." rauhnte es durch die Menschenmenge, und da brach auch schon die Hölle los. Die tiefschwarze, gigantische Wolke, die uns erschreckte hate, brach mit aller Macht über die Favela ein: Sturmböen, die einer Windhose glichen, Blitz und Donner und apoklyptische Regenfälle.
Innerhalb von 2 Minuten fiel der Strom im gesamten Viertel aus hüllte Alles in tiefste Dunkelheit, das Bühnenbild löste sich in seine Einzelteile auf, Holzstücke, Dreck und Müll flogen durch die Nacht, das Publik verschwand in sekundenschnelle in verschiedene Richtungen
Ein Ruf ging durch die Menge: "Alle Mann ins Cesmar zurück!!" Die Frauen sprangen in einen Viehtransporter, der den Kreuzgang mit den Kostümen begleitete, die Männer rannten, alle zurück in Richtung des Cesmars, um Unterschlupf vor dem Regen und dem Sturm zu finden.
Obwohl ich platschnass war und fror, hielt ich das ganze noch für ein grosses Abenteuer, wie ich da so in dem Viehtransporter stand und mich ins Cesmar flüchtete - bis ein Kind meine Hand griff und angsterfüllt quiekte: "Sora, halt mich fest!!!" Es war Bruna, 9 Jahre alt, aber Moment - sie war doch gar nicht teil des Kreuzweg-Ensambles, sie war doch nur Zuschauerin!
Plötzlich wurde mir klar, dass dieses Unwetter für die Bewohner Rubem Bertas kein Abenteuer ist, sondern eine Katastrophe.
Bruna hatte in der Dunkelheit und dem Chaos ihre Mutter verloren, als alle Menschen wild auseinanderströmten. Sie wusste nicht wohin und flüchtete sich in den Transporter, der sie ins Cesmar brachte.
Mir wurde klar, dass das Stück Holz, dass mich da am Bein getroffen hatte, das Dach oder die Wand eines Hauses waren, in das nun das Wasser strömte; dass der Dreck und der Müll, die durch die Luft flogen, mit dem Regen in die Häuser gespült werden und zum Bakterienherd werden; dass der Stromausfall wahrscheinlich Tage anhält, weil die Stromleitungen in der Favela immer als letztes repariert werden.
Im Cesmar sassen wir alle im Kerzenlicht, tropfnass und wartete, dass sich das Wetter besserte. Wir: die educadoren, die in der Favela leben und die sich wahrscheinlich fragten, ob das Haus noch steht; die Kinder, die sich in Panik in den Transporter geflüchtet hatten (neben Bruna waren es noch mehr) und Linda und ich, irgendwie Aussenseiter in dieser Situation, denn wir sind schliesslich nur Besucher.
Alle warteten ab, denn so konnte man nicht auf die Strasse, im stockdunkeln, im strömenden Regen, bei Blitz und Donner und Windhose.
Auch wir wussten nicht recht, wie wir nach Hause kommen sollten, aber glücklicherweise bot ein Kollege, der mit dem Auto da war, an, uns heimzufahren.
Zuhause angekommen stllte ich mich unter die heisse Dusche, zog einen dicken Pulli an, trank einen schönen Tee und meine Gastvater versorgte mich mit seinem ganz eigenen Anti-Erkältungmittel: Cachaça mit Acerola, einer sehr Vitamin-C-haltigen Tropenfrucht.
Damit war das "Abenteuer" für mich vorbei, ich sass im Warmen, Trockenen, Sicheren.
In Rubem Berta harrten die Menschen im Dunkeln aus, hatten bei jeder Sturmböe Angst, dass das Haus nicht standhält, zuckten bei jedem Blitz zusammen und versuchten, das Wasser davon abzuhalten, ins Haus zu strömen.
Für sie war die Katastrophe noch lange nicht vorbei.

Ein Zeitungartikel von heute zeigt das Ausmass der Zerstörung:

Zehntausende Menschen ohne Strom

Mindestens zehn Personen, darunter drei Kinder, sind bei einem schweren Sturm im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul an der Grenze zu Argentinien und Uruguay getötet worden. Heftige Regenfälle lösten mehrere Erdrutsche, Überschwemmungen und Hochwasser aus, umstürzende Bäume und Strommasten sorgten im gesamten Bundesstaat, vor allem in den Städten Igrejinha, Fazenda Vilanova, Sapucaia do Sul und Nova Hamburgo, für ein Chaos.

Nach Berichten von Augenzeugen erreichte der Sturm Böen von bis zu 100 Km/h, in den betroffenen Gebieten von Taquerí, Teuroni, Sao Leopoldo, Venancio Aires und Porto Alegre waren bis zu 100.000 Menschen ohne Strom. In Igrejinha begrub ein Erdrutsch mindestens sechs Häuser, zwei Verschüttete konnten nur noch tot geborgen werden. Die Todeszahl könnte sich noch erhöhen, da mindestens fünf weitere Personen unter Tonnen von Schlamm begraben sind. Bei einem Erdrutsch in einem Armenviertel von Nova Hamburgo wurden drei Brüder, 9, 11 und 13 Jahre, unter einer Schlammlawine begraben und getötet.

Über 80 Prozent der Straßen der Stadt Santa Cruz stehen nach dem Sturm unter Wasser. Das Nationale Institut für Meteorologie (Inmet) warnte, dass in den nächsten Stunden in den westlichen, zentralen und nördlichen Regionen von Rio Grande do Sul mit weiteren schweren Regenfällen und Hagel zu rechnen sei.