Sonnenuntergang in Porto Alegre

Sonnenuntergang in Porto Alegre

Sonntag, 15. Mai 2011

Muttertag in Rubem Berta

Kleine Geschenke für grosse Kämpferinnen

Genauso wie in Deutschland schneiden auch in Brasilien die Kinder kurz vor dem Muttertag rote Moosgummiherzen aus und schreiben mit krakeliger Schrift “Ich hab dich lieb” auf selbstgebastelte Karten. Im Cesmar, in dem ich seit inzwischen knapp 8 Monaten Freiwilligendienst leiste, hat dieser Tag aber noch eine ganz andere Bedeutung für die Kinder und die Mütter der Favela.

“Sora Franziska, ich habe aber gar keine Mutter” flüstert Yruan, als ich ihn auffordere, ein Bild für seine Mama zu malen. Nicht das erste Mal, dass ich diesen Satz in den letzten Woche höre, und wie immer antworte ich darauf genauso wie meine Kollegen “Wer kocht dir Tee, wenn du krank bist; wer tröstet dich, wenn du hinfällst; wer achtet darauf, dass du einen Schirm mitnimmst, wenn es regnet? Diese Person nimmt die Rolle deiner Mama ein, auch wenn sie vielleicht nicht deine Mutter ist “. Yruan überlegt kurz, antwortet dann “Meine Schwester Yasmin!” und beginnt begeisert, ein grosses Herz für sie zu malen. Wie Yruan werden viele Kinder, die das Cesmar besuchen, nicht von ihren leiblichen Müttern aufgezogen, sondern von Grossmüttern, grossen Schwestern, Tanten, Stiefmüttern, Cousinen oder Nachbarinnen. Viele der Mütter sind verstorben, im Gefängnis, waren mit der Erziehung überfordert oder sind eines Tages einfach verschwunden und so nahm eine andere weibliche Person die Mutterrolle ein und versucht, diese grosse Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen. Eine Mutter in der Favela zu sein, ist eine Herausforderung: in einer Umgebung, die von Gewalt, Drogen und Kriminalität dominiert wird, ist es nicht leicht, ein glückliches, verantwortungsbewusstes Kind aufzuziehen, das nicht auf die schiefe Bahn gerät. Meistens sind die Mütter dabei auch noch auf sich allein gestellt, denn Väter gibt es selten in den Favelafamilien und so müssen die Mütter den Lebensunterhalt verdienen, den Haushalt organiseiren und sich um die Kinder kümmern. Im Gottesdienst, das das Cesmar für sie vorbereitet hat, werden sie deshalb zu recht als “Kriegerinnen”, “Kämpferinnen” und “Löwenmütter” bezeichnet. Um diese ganz besondere Mütter zu ehren, basteln und werkeln wir schon seit Wochen mit den KIndern an Überraschungen, die am Muttertag überreicht werden sollen: ausrangierte Patientenmappen einer Zahnklinik werden so von fleissigen Händen in “Beste-Mutter-der-Welt-Ehrenmappen” verwandelt, in der Kunstwerke, Gedichte und Fotos Platz finden; eine riesige Stellwand im Eingangsbereich zeigt die verschiedenen Facetten des “Mutter seins”. In Gruppenarbeiten mit den Kindern erarbeiten wir, wie wichtig unsere Mama für unser Leben ist, was wir ihr alles verdanken und betonen, dass die Kinder bei Differenzen nicht von zuhause weglaufen sollen – ein Leben auf der Strasse führt fast unwillkürlich in die Kriminalität und Drogenabhängigkeit. Der Muttertag im Cesmar ist also mehr als nur eine eine kleine Karte basteln: es ist die Ehrung starker Frauen, die jeden Tag für die Zukunft ihrer Kinder kämpfen und die wichtige Nachricht für die Kinder: Du bist nicht allein in der Welt, selbst wenn du ohne deine Mutter aufwächst. Deshalb kann ich die Frage “Bastelst du auch ein Herz für deine Mutter?”, die in den letzten Tagen immer wieder aufkam, ohne Zweifel beantworten: “Ich bastele 2 Herzen. Für meine Mutter in Deutschland und meine Gastmutter. Denn momentan kocht sie Salbeitee für mich, wenn ich Halsschmerzen habe und deshalb auch meine Mama.”


Mãe é quem cuida, mãe é quem cria, mãe é quem ama

Muter ist, wer sich kümmert; Mutter ist, wer aufzieht; Mutter ist, wer liebt.

Sonntag, 8. Mai 2011

Sprung in der Platte?

Manchmal kommt es mir während meines Freiwilligendienstes vor, als hätte die Schallplatte einen Sprung: man hört wieder und wieder die gleichen Dinge...
Hier die 10 der häufigsten Sätze, die ich im Cesmar hör und sage:

Was ich 1000x am Tag sage:
1. Ay, que desenho lindo! (Was für ein schönes Bild)
2. Silencio! (Ruhe)
3. Não mexe! (Fummel da nicht dran rum)
4. Fila, meninos!! (Jungs, macht eine Schlange)
5. Ou que que houve? (Was ist los?)
6. Tu vai ficar sem intervalo! (Du bekommst keine Pause - heisst, das Kind darf in der Pause nicht spielen, sondern muss am Rand sitzen)
7. Não é assim que a gente resolve problemas aqui no Cesmar. A gente convera e não resolva as coisas aos socos. (So lösen wir keine Probleme hier im Cesmar. Wir reden miteinandern und regeln nichts durch Prügeleien)
8. Desce dai! (Komm von da oben runter)
9. Cuidado com o degrau/a tesoura / o copo.... (Vorsicht mit der Stufe, der Schere, dem Glas...)

Was ich 1000x am Tag höre:
1. Sora, tem repeteção? (Sora, gibt es Nachschlag?)
2. Sora, ele bateu em mim!! (Sora, er hat mich geschlagen!)
3. Sora, porque que tu fala engraçado? (Sora, wieso redest du so lustig?)
4. Sora, da para mim brincar? (Sora, darf ich spielen?)
5. Sora, tenho que ir ao banheiro! (Sora, ich muss auf die Toilette)
6. Sora, me empurra! (Sora, gibst du mir Anschwung?)
7. Sora, da pra mim desenhar? (Sora, darf ich was malen?)
8. Sora, Alemanha é muito longe? (Sora, ist Deutschland weit weg?)
9. Sora, eu vou me comportar agora! (Sora, ich werde mich jetzt benehmen)
10. Sora, não foi eu!!!!!!!!!! (Sora, ich wars nicht!!)




Was man also vorallem braucht: GEDULD. Denn die gleiche Frage kommt bestimmt wieder. Und dann muss man wieder die gleiche Antwort geben....

Freitag, 6. Mai 2011

Kindheit zwischen Norwegen und Neuseeland





Häufig werde ich aufgefordert: "Erzähl doch mal, was in Brasilien alles anders ist!"
Das habe ich aber schon zur Genüge getan und will heute einmal erzählen, was hier alles genauso ist wie in Deutschland.
Obwohl ich immer betone, dass die Kinder im Cesmar "speziell" sind, sind sie ganz objektiv betrachtet genauso wie alle anderen Kinder auf der Welt.
Die Kinder spielen gerne: Die Mädchen mit Puppen, die Jungs mit Autos und zusammen spielen sie Vater, Mutter, Kind.
In der Pause springen sie Seil und Gummitwist oder spielen Fussball oder Fangen, sie singen und tanzen gerne. Am liebsten trinken sie Kakao und essen "Doce de Leite", quasi die brasilianische Version des Nutella und "so schön süss", wie sie selber sagen - dass sie aber auch einen Apfel frühstücken ist meist ein kleiner Kampf. Sie malen gerne, am liebsten Häuser, Autos, Blumen und Schmetterlinge und natürlich darf die lachende Ecksonne nicht fehlen. Wenn sie hinfallen, dann weinen sie und wenn man pustet tut es nicht mehr weh. Die meisten reden am liebsten dann, wenn sie eigentlich den Mund halten sollten, sie streiten sich um Spielzeug und essen gerne Bonbons. Sie sind kreativ und erfinden mit begrenztem Material die tollsten Spiele, wie das Colaflaschendeckel-Spiel oder "Fio elétrico", den heissen Draht mit Gummitwist. Sie schaukeln und rutschen gerne, springen bei Regen begeistert in die Pfützen und gucken anschliessend unschuldig und sagen, die Hose sei ganz von allein dreckig geworden.
Ob James oder Johann, João oder Giovanni:Die Kinder sehen vielleicht anders aus, sprechen eine andere Sprache, haben eine andere Hautfarbe kennen und kennen vielleicht Spiele, die man anderswo nicht spielt. Kulturelle Unterschiede, sozio-ökonomisches Milieu hin oder her - in der Essenz ist Kindheit überall gleich, zwischen Norwegen und Neuseeland, zwischen Mexiko und der Mongolei.

Samstag, 23. April 2011

Kerzenschein und Unwetter - Abenteuer und Katastrophen

Seit Wochen und Monaten hatten die Educadoren des Cesmars auf diesen Tag hingearbeitet:
Karfreitag, der Tag der Insezierung des Kreuzwegs.
Wie in den mesiten lateinamerikanischen Ländern üblich, wird die Passion Christi auch in Brasilien szenisch dargestellt, vom letzten Abendmahl bis über die Festnahme und die Verurteilung bis hin zur Kreuzigung. Der Kreuzweg zieht sich dabei meist durch das ganze Stadtviertel und wird von der Bevölkerung gebannt verfolgt.
Auch in der Favela Rubem Berta sollte die Via Sacra aufgeführt werden und so wurde seit Monaten der Text geübt und geprobt, Bühnenbilder hergestellt und mit Liebe zum Detail Kostüme improvisiert: ein mit Isolationstape beklebter Motarradhelm mit Strohhalmen wurde so zur Soldatenuniform, mit Lederbändern umwickelte Hawaiana-Flipflops zu Römersandalen.
Den ganzen Karfreitag herrschte strahlender Sonnenschein, doch schon als die erste Szene aufgeführt wurde, fielen die ersten Tropfen. Broc, der Organisator des Kreuzganges, erklärte der versammelten Menschenmenge noch, dass die Inszenierung trotz Regens nicht abgebrochen würde, aber da wussten wir ja noch nicht, was uns erwartete.
Die erste Szene endete, wir gingen die Strasse entlang, um zur 2. Bühne zu kommen, doch als wir um die Ecke bogen, fielen und die Kinnladen herunter. Was sich da am Himmel anbahnte, sah nicht gut aus. "Oh Scheisse...." rauhnte es durch die Menschenmenge, und da brach auch schon die Hölle los. Die tiefschwarze, gigantische Wolke, die uns erschreckte hate, brach mit aller Macht über die Favela ein: Sturmböen, die einer Windhose glichen, Blitz und Donner und apoklyptische Regenfälle.
Innerhalb von 2 Minuten fiel der Strom im gesamten Viertel aus hüllte Alles in tiefste Dunkelheit, das Bühnenbild löste sich in seine Einzelteile auf, Holzstücke, Dreck und Müll flogen durch die Nacht, das Publik verschwand in sekundenschnelle in verschiedene Richtungen
Ein Ruf ging durch die Menge: "Alle Mann ins Cesmar zurück!!" Die Frauen sprangen in einen Viehtransporter, der den Kreuzgang mit den Kostümen begleitete, die Männer rannten, alle zurück in Richtung des Cesmars, um Unterschlupf vor dem Regen und dem Sturm zu finden.
Obwohl ich platschnass war und fror, hielt ich das ganze noch für ein grosses Abenteuer, wie ich da so in dem Viehtransporter stand und mich ins Cesmar flüchtete - bis ein Kind meine Hand griff und angsterfüllt quiekte: "Sora, halt mich fest!!!" Es war Bruna, 9 Jahre alt, aber Moment - sie war doch gar nicht teil des Kreuzweg-Ensambles, sie war doch nur Zuschauerin!
Plötzlich wurde mir klar, dass dieses Unwetter für die Bewohner Rubem Bertas kein Abenteuer ist, sondern eine Katastrophe.
Bruna hatte in der Dunkelheit und dem Chaos ihre Mutter verloren, als alle Menschen wild auseinanderströmten. Sie wusste nicht wohin und flüchtete sich in den Transporter, der sie ins Cesmar brachte.
Mir wurde klar, dass das Stück Holz, dass mich da am Bein getroffen hatte, das Dach oder die Wand eines Hauses waren, in das nun das Wasser strömte; dass der Dreck und der Müll, die durch die Luft flogen, mit dem Regen in die Häuser gespült werden und zum Bakterienherd werden; dass der Stromausfall wahrscheinlich Tage anhält, weil die Stromleitungen in der Favela immer als letztes repariert werden.
Im Cesmar sassen wir alle im Kerzenlicht, tropfnass und wartete, dass sich das Wetter besserte. Wir: die educadoren, die in der Favela leben und die sich wahrscheinlich fragten, ob das Haus noch steht; die Kinder, die sich in Panik in den Transporter geflüchtet hatten (neben Bruna waren es noch mehr) und Linda und ich, irgendwie Aussenseiter in dieser Situation, denn wir sind schliesslich nur Besucher.
Alle warteten ab, denn so konnte man nicht auf die Strasse, im stockdunkeln, im strömenden Regen, bei Blitz und Donner und Windhose.
Auch wir wussten nicht recht, wie wir nach Hause kommen sollten, aber glücklicherweise bot ein Kollege, der mit dem Auto da war, an, uns heimzufahren.
Zuhause angekommen stllte ich mich unter die heisse Dusche, zog einen dicken Pulli an, trank einen schönen Tee und meine Gastvater versorgte mich mit seinem ganz eigenen Anti-Erkältungmittel: Cachaça mit Acerola, einer sehr Vitamin-C-haltigen Tropenfrucht.
Damit war das "Abenteuer" für mich vorbei, ich sass im Warmen, Trockenen, Sicheren.
In Rubem Berta harrten die Menschen im Dunkeln aus, hatten bei jeder Sturmböe Angst, dass das Haus nicht standhält, zuckten bei jedem Blitz zusammen und versuchten, das Wasser davon abzuhalten, ins Haus zu strömen.
Für sie war die Katastrophe noch lange nicht vorbei.

Ein Zeitungartikel von heute zeigt das Ausmass der Zerstörung:

Zehntausende Menschen ohne Strom

Mindestens zehn Personen, darunter drei Kinder, sind bei einem schweren Sturm im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul an der Grenze zu Argentinien und Uruguay getötet worden. Heftige Regenfälle lösten mehrere Erdrutsche, Überschwemmungen und Hochwasser aus, umstürzende Bäume und Strommasten sorgten im gesamten Bundesstaat, vor allem in den Städten Igrejinha, Fazenda Vilanova, Sapucaia do Sul und Nova Hamburgo, für ein Chaos.

Nach Berichten von Augenzeugen erreichte der Sturm Böen von bis zu 100 Km/h, in den betroffenen Gebieten von Taquerí, Teuroni, Sao Leopoldo, Venancio Aires und Porto Alegre waren bis zu 100.000 Menschen ohne Strom. In Igrejinha begrub ein Erdrutsch mindestens sechs Häuser, zwei Verschüttete konnten nur noch tot geborgen werden. Die Todeszahl könnte sich noch erhöhen, da mindestens fünf weitere Personen unter Tonnen von Schlamm begraben sind. Bei einem Erdrutsch in einem Armenviertel von Nova Hamburgo wurden drei Brüder, 9, 11 und 13 Jahre, unter einer Schlammlawine begraben und getötet.

Über 80 Prozent der Straßen der Stadt Santa Cruz stehen nach dem Sturm unter Wasser. Das Nationale Institut für Meteorologie (Inmet) warnte, dass in den nächsten Stunden in den westlichen, zentralen und nördlichen Regionen von Rio Grande do Sul mit weiteren schweren Regenfällen und Hagel zu rechnen sei.

Ostern im Cesmar


In den letzten Wochen drehte sich im Cesmar alles nur um ein Thema - Ostern.
Besonders bei den Turmen der ganz kleinen zwischen 6 und 8, mit denen ich inzwischen fast ausschliesslich abeite, brach das Osterfieber aus. So wurden in den letzten Wochen nur noch Hässchen gebastelt, Ostergeschichten vorgelesen, Osterlieder gesungen, Eier gemalt und die Ostersymbole besprochen.
Ähnlich wie in Deutschland auch, bedeutet Ostern in den Augen der brasilianischen Kindern vor allem eins: SCHOKOLADE!!!
Die Ostereier, die man in Deutschland in seinem Nest findet, sind aber im Vergleich zur brasilianischen Verison eher kümmerlich: Die normalen Ostereier hier haben die Grösse eines Strausseneies und sind mit mehreren Schichten Nougat, Creme, Karamell oder anderen süssen Sünden gefüllt. Kein Wunder, dass so ein Kalorienbomben-ei im Maxiformat schon mal locker 30 Reais kostet - angesichts des Stundenlohns von 2 Reais, den eine Putzfrau hier in der Favela verdient, eine ganz schöne Summe. Viele von den Kindern erwarteten also nicht alzu grosse Präsentkörbe zu Hause und rechneten fest mit dem Cesmar-Osterkörbchen, das sie bis jetzt jedes Jahr am letzten Tag vor den Osterfeiertagen bekommen hatten.

Aber in diesem Jahr war das Geld für Süssigkeiten restlos wegrationalisiert worden.
Keiner von uns brachte es übers Herz, das den Kindern zu sagen und so bastelten wir mit den kleinen Osternester aus alten CDs und Moosgummiresten und hatten keine Ahnung, wie wir diese Nester auch nur anseitsweisse füllen sollten. Wenigstens für die ganz Kleinen wollten wir eine süsse Überraschung bereithalten und meine Kollegin war schon so weit, dass sie die Schokolade für alle 4 Turmen von ihrem eigenen Geld zahlen wollte. Ein absolut wahnsinniger Plan, denn eine Woche zuvor hatte sie mir noch erzählt, dass sie bis über beide Ohren verschuldet ist und ihr wahrscheinlich in der nächsten Woche das Wasser und der Strom abgedreht werden, wenn sie nicht zahlt.
Es musste also irgeneine andere Lösung her.
Eine weitere Kollegin setzte in den nächsten Tagen Himmel und Hölle in Bewegung, um Schokolade für die kleinen aufzutreiben und fand schliesslich einen Supermarkt, der die abgelaufenen Süsswaren spendete, die er nicht mehr verkaufen durfte.
Wir nahmen also alles Naschwerk aus den Packungen, damit man das Ablaufdatum nicht sehen konnte und packten die Osterkörbchen fertig, die am letzten Tag verteilt wurden.
Dazu zog ich mir plüschige Hasenohren auf, schminkte mir ein rosa Stupsnässchen und Tasthaare und "hoppelte" durch den Raum, um den Kindern ihre Nester auszuteilen. Die kleinen quietschenden vor Vergnügen und ihre Augen glänzten, als sie den Inhalt der Körbchen sahen, sie gingen fröhlich nach Hause und ihr hörte, wie ein kleiner Junge am Tor zu seiner Mutter sagte "Ich liebe das Cesmar!!"
Und so rettete der "Abfall" eines Supermarktes Ostern im Cesmar.

Donnerstag, 21. April 2011

"Em fevereiro tem carnaval" - Brasilien helau!!

Der Karnaval liegt zwar schon ein paar Donnerstage zurück, aber da es sich ja um das Highlight unter den brasilianischen Feiertagen handelt, muss wenigstens noch ein stichwortartiger Blogeintrag her, um ein paar Karnevalsimpressionen in die ferne Heimat zu verschicken.
Am Karnevalswochenende habe ich:
- spontan mit meiner besten Austausch-Freundin Sara den Nachtbus nach Florianopolis genommen(mit einer Entfernung von 6 Stunden ein Katzensprung für brasilianische Verhältnisse)
- in einem nur mässig vertrauenenserweckenden 16-Bett-Zimmer im Backpackerhostel geschlafen
- mich den ganzen Tag am Strand in der Sonne knusprig toasten und in den Wellen des Atlantiks treiben lassen
- den brasilianischen Strassenkarneval kennengelernt, bei dem sich alle Männer als Frauen verkleidet haben
- ein Konzert von Armin van Buuren erlebt und bis morgens um 6 barfuss unter dem Sternenhimmel getanzt
- ein Fischerboot zu einer paradiesischen Insel genommen und auf dem Rückweg einen akuten Anflug von Panik und Seekrankheit überstanden
- den Umzug der Sambaschulen im Sambódromo gesehen (völlig umsonst!)
- auf dem Rückweg 6 Stunden platschnass im durch die Klimaanlage auf 12 Grad runtergekühlten Bus gefroren

Den Karneval auch nur annähernd zu beschreiben, fehlen mir buchstäblich die Worte, aber die Fotos geben vielleicht einen Eindruck:

Sonntag, 27. März 2011

Das Leben der Anderen

Jeden Abend, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, fühle ich mich, als würde ich eine fremde Welt betreten. Auf dem Weg von der Bushaltestelle zu meinem Zuhause komme ich an einer “Creche” vorbei, einer Kindertagestätte. Diese Kinderstagesstätte hat ein ganz anderes Klientel als das Cesmar: Die Sprösslinge reicher Vorstadtfamilien, die dort gelassen werden, während ihre Eltern arbeiten. Der Kontrast zwischen der Creche und dem Cesmar ist enorm. Die Kinder in der Creche sind sauber und ordentlich angezogen, haben von ihren Müttern geflochtene Zöpfe oder ordentlich gescheitelte Haare, ihre Fingernägel sind geschnitten. Wenn sie in der Creche spielen, hört man fast nur lachen und fröhliches Gequieke, manchmal ein Weinen, wenn jemand von der Schaukel gefallen ist. Konfliktsituationen gibt es kaum, Streit um ein Spielzeug wird schnell beigelegt und nur selten sehe ich, dass die Betreuerinnen eingreifen müssen, um eine Situation zu entschärfen.

Das ist das Leben der anderen. Das Leben der Kinder, die 10 Busminuten weiter südlich geboren wurden, die in intakten Familien, in geordneteten Verhältnissen leben.

Wenn ich die Kinder der Creche sehe, reflektiere ich häufig meinen Tag im Cesmar. Ich denke an die zerrissenen Hosen und die durchlöcherten Projekt-T-Shirts, die die Kinder dort tragen, an die zerzausten, verlausten Haare, die wild in alle Richtungen abstehen und lange Zeit weder Wasser noch Bürste gesehen haben, an die dreckigen Hände, die fauligen Zähne, die mageren Ärmchen und die von Würmbefall aufgeblasenen Bäuche. Ich denke an das Geschreie und Gekeife, an die städigen Konflikten, an den Streit, der an jeder Ecke zu eskalieren droht und die ich constant eingreifen muss, um Situationen zu klären. Es scheint unglaublich zu sein, dass diese beiden Welten, die so nah beieinander liegen, sich nicht kennen. Manchmal frage ich mich: Wie kommt es, dass die Kinder im Cesmar so sind, wie sie sind? Die Tatsache, dass sie arm sind, bedeutet doch nicht, dass sie verhaltensauffällig und agressiv sein müssen?

Ich habe angefangen, mich im Internet zu informieren, auf Seiten über Erziehung, über Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Entwicklung. Je mehr ich mich über diese Themen informiere, desto mehr erkenne ich, warum die Kinder des Cesmars so anders sind.

Die zerstörte, disfunkionale Umgebung der Kinder prägt sie auf diese Weise. Das Fehlen von intakten Familien, das Fehlen von Zuneigung und Nestwärme, von positive Kontakt und Mutterliebe macht die Kinder zu emotional verkümmerten, entwicklungsverzögerten Personen, die nicht in der Lage sind, sich in Gruppen einzufügen und soziale Kontakte zu anderen aufzubauen. Die Kinder Rubem Bertas sind regelrechte “Wolfskinder”, verwahrlost und vernachläsigkt, vollkommen auf sich allein gestellt.

“Was ein kleines Kind am nötigsten braucht, ist die intensive und dauerhafte Gefühlsbindung zur Mutter. Wird dieser Kontakt unterbrochen und erhält das Kind keine Ersatzperson, zu der es ähnliche Beziehungen aufnhemen kann, so stellen sich seelischen Schädigungen ein.” (Quelle: “Kinder ohne Liebe”, Josef Langmeier und Zdenek Matejcek)

“Ohne eine Schablone, eine Prägeform, fehlt den Opfern gestörter Mitmenschlicher Beziehungen später selbst die Fähigkeit, Beziehungen herzustellen. Sie sind nicht ausgerüstet für die fortgeschrittenen, komplizierten Formen des persöhnlichen und gesellschaftlichen Austauschs, ohne den wir als Art nicht fäig wären, weiter zu existieren. Sie können sich nicht an die Gesellschaft anpassen. Sie sind emotionale Krüppel… Ihre Fähigkeit zu normalen menschlichen und sozialen Beziehungen ist gestört, sie haben niemals Gelegenheit gehabt, gefühlsmässig liebevolle Beziehungen zu erleben und eine vertrauenenspendene erste Liebesbeziehung zu erleben. Das Elend dieser Kinder wird in die Trostlosikgeit der sozialen Beziehungen des Herawachsenden umsetzen. Da ihnen die gefühlsmässige Zuwendung vorenthalten wurde, auf die sie Anspruch hatten, ist ihr einziges Hilsmittel die Gewalt. .. Das Kind wurde um die Liebe betrogen, dem Erwachsenen bleibt nur der Hass” (Quelle: René Spitz)

“Unter Hospitalismus (ursächlich auch Deprivationssyndrom genannt) versteht man alle negativen körperlichen und psychischen Begleitfolgen eines längeren Krankenhaus- oder Heimaufenthalts oder einer Inhaftierung. Dies beinhaltet auch mangelnde Umsorgung und lieblose Behandlung von Säuglingen und Kindern(…) Der Ausdruck Deprivationssyndrom stammt vom Begriff Deprivation, lateinisch deprivare - berauben in Bezug auf Reize und Zuwendung.

Hospitalismus kommt überall dort vor, wo Menschen zu wenig (Vernachlässigung) oder negative (Ablehnung) emotionale Beziehungen (Bindungsstörung) erhalten. (…)Es ist auch in Familien anzutreffen, in denen die Eltern mit der Pflege der Kinder überfordert sind oder diese aus irgendwelchen Gründen ablehnen und sie deshalb schwerer physischer und psychischer Vernachlässigung oder Misshandlung ausgesetzt sind (…) Bekannt sind die Forschungen von René Spitz zur Entwicklung der Beziehung zwischen Mutter und Kind im ersten Lebensjahr. Untersuchungen der gestörten Mutterbeziehungen des Säuglings bei widersprüchlichem Mutterverhalten: Aktive und passive Ablehnung des Kindes, Überfürsorglichkeit, abwechselnde Feindseligkeit und Verwöhnung, mit Freundlichkeit verdeckte Ablehnung. Solche Bedrohungen der Beziehung führen je nach Art der gestörten Objektbeziehung zu verschiedenen schweren psychischen und psychosomatischen Störungen beim Kind.

Mit dem psychischen Hospitalismus verwandt ist die Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen; sie werden sich selbst überlassen.

Je nach individueller Situation des von Vernachlässigung Betroffenen kommen nicht alle Symptome vor oder sind je nach Ursache eher körperlicher oder eher seelischer Natur. Folgende Symptome aufgrund von Vernachlässigung können auftreten:

Die Folgen von psychischen Hospitalismus (Deprivation) sind erst auf den zweiten Blick zu erkennen können jedoch gravierender und langfristiger sein (...) Mögliche Folgen sind psycho-affektive Störungen, also Verzögerungen und Veränderungen im Antrieb, in der Wahrnehmung und im Fühlen und Denken sowie emotionale Stumpfheit. Die Kinder können retardieren und/oder entwickeln später möglicherweise eine Bindungsstörung, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung oder eine Anpassungsstörung . (Quelle: Wikipedia)

Die Verhaltensauffälligeiten, die Agressivität, die Unterentwicklungen, die Zurückgebliebenheit und all die anderen Symptome, die die Kinder des Cesmars “anders” machen, lassen sich also erklären. Der Grund dafür ist nicht die exestentielle Armut dieser Kinder, sondern die Verwahrlosung und Vernachlässigung, die sie zuhause erfahren. Da diese Vernachlässigung der Eltern aber jedoch wieder auf die soziale Notlage zurückzuführe ist, die die zumeist jungen Mütter und Väter überfordert und in die Alkohol- oder Drogensucht treibt, bildet sich der furchtbare, scheinbar undurchbrechbare Teufelskreis der Favela.

Aus den sozial gestörten Kindern werden vermutlich wieder sozial gestörte Eltern, die ihre Kinder auf genau die selbe Weise behandeln. Das Cesmar versucht, diesen Kreislauf aufzuhalten, diese Prozesse zu durchbrechen. Im Cesmar erfahren die Kinder Liebe, sie werden gefördert und ihre Entwicklung wird stimuliert und man sieht tatsächlich überraschende Erfolge.

Wenn ich abends an der Creche vorbeigehe, denke ich an “die anderen” Kinder des Cesmars, die genauso fröhlich spielen könnten – wenn sich jemand um sie kümmern würde. Aber leider interessieren sich viel zu wenig Menschen auf der Welt für das, was sie nicht direkt betrifft. Was nicht direkt vor der eigenen Haustür passiert, passiert eben nur “den anderen”.

Warum sich darum kümmern?